Popmarkt

„Kennst du das auch?“

- fragt Laith Al-Deen seine Hörer:innen, und diese kennen das auch

Als Laith Al-Deen seinen Signature-Hit „Bilder von Dir“ sang, war Mark Forster gerade dabei, Abitur zu machen - seit 24 Jahren schon ist Al-Deen im Geschäft, und das Urgestein es Deutschpop hat schon mit dem Schlager geliebäugelt, da war der Begriff Deutschpop noch nicht erfunden, und Schlager galt noch als verpönt. Nun hat Laith Al-Deen eine neues Album veröffentlich, es Bildschirmfoto 2024-04-23 um 12.43.25 heißt „Dein Begleiter“ und chargiert gekonnt zwischen den Stühlen Pop, Deutsch-Soul und urbanem Schlager, und Dein Begleiter, nun, das ist natürlich niemand Anderes als Laith Al-Deen selber; jedenfalls kommt diese Musik so daher: Sie will Dein Begleiter, Schutzengel, Therapeut und Leitfaden sein, und diese hehren Ansprüche können natürlich nur erfüllt werden, wenn man potentielle Probleme potentieller Hörer:innen auf einen Nenner bringt. Das liest sich dann so: „Bist für ne Zeit lang abgetaucht / Warst mit dir selbst im Schlagabtausch / Kriegst keine Luft völlig abgeraucht / Es fühlt sich an als hört es niemals auf.“ singt Al Deen zum Beginn des Titelsongs. Und ja, so funktioniert Deutschpop: Singe von Problemen, die Du dann, einmal herauf beschworen, zersingen kannst. Das kann man aber völlig geschmacklos machen, wenn zum Beispiel Max Giesinger meint, dem Mittelstand mit seinem Allerweltspop Hedonismus und Freiheit anzubieten, oder aber man macht es wie Laith Al-Deen: So abgedroschen die poplyrischen Phrasen aus dem Setzkasten auch sein mögen, aber diesem Schrank von einem Mann mit Hipsterbart und Flanellhemd glaubt man irgendwie doch, dass er das, was er verspricht, Trost zu bieten in einer trostlosen Zeit nämlich, auch wirklich ernst meint: „Wir brauchen alle n Paket Hoffnung, ich seh’ nur ich, ich seh’ kein Viel / auf der Suche nach der Ordnung, die wir trotz Freiheit verlieren.“ - singt Al-Deen später auf dem Album in seinem Song „Paket Hoffnung“, und da muss man ja jetzt nicht vor Begeisterung auf die Knie sinken, aber verbunden mit leicht spanisch anmutenden Gitarren, kommt schon ein Popmoment zustande, der eine Form Authentizität und Wärme verstrahlt. Musikalisch hat Al-Deen auf diesem einen Album mehr Ideen als alle Forsters, Giesingers und Bendzkos zusammen genommen, und, ja, irgendwie funktioniert das Ganze ganz okay.

 


Schichten und Lagerfeuer

Fast könnte man denken, Folk habe Hip Hop als das wesentliche Genre im Pop abgelöst. - vielleicht übertriueben aber, in Zeiten, in denen Beyoncé ein Country-Album heraus bringt, kann ein neues Bon Iver Album eben auch aus Berlin kommen. Mutmasslich kann der Sänger und Songwriter „Sorin“ den Bon-Iver-Vergleich auch nicht mehr hören, aber die Art und Weise, wie hier Songs, die man als Folk verortet in spacig-elektronische Synthiebreiten gezogen werden, ist sicherlich eine Vorgehensweise, um den Popentwurf des ursprünglich rumänischen Musikers GlnHs8s_„Sorin“ zu beschreiben. Auch die zurück gehaltene und dennoch präsente Stimme Sorins trägt dazu bei; manchmal weiß man nicht genau, ob sie chorisch geschichtet wurde oder natürlich vielschichtig klingt - Spoiler: beides kommt vor. Und immer wenn man auf diesem Album „While The Tides Turn“ denkt, man sei doch bei Synthpop gelandet, kommt schon wieder eine Akustikgitarre um die Ecke; und umgekehrt. Irgendwann aber gibt man das Schubladen-Denken auf und sich der Platte hin.

Dazu passt, dass das Album auch lyrisch von Veränderungen handelt, und der Tatsache, dass der Effekt der Veränderung irgendwann zur Konstante wird, oder dass es immer auch Sinn machen kann, der Eintönigkeit des Alltags etwas Einzigartiges, Verändertes abzuringen. Die Art und Weise, wie sich Musik und Texte die Hand geben, macht „While The Tides Turn“ fast zu einem Konzeptalbum, das dazu einlädt es mehrfach im Ganzen zu hören.

Dennoch gibt es natürlich auch Songs, die als Einzelwerke Bestand haben: Der Opener, das nur zwei Minuten kurze „Circles“ ist in seiner Einfachheit, in seinem Skizzenhaften wie ein Lagerfeuerglücksgriff, während sich das deutlich produziertere „Rivers To The Sea“ als eine Art minimalistisches Bestandteilschichten ausnimmt, das wie im Titel die der Platte die Gezeiten zu wechseln scheint. Somit ist „While The Tides Turn“ ein Meisterwerk aus dem Nichts.

https://linktr.ee/intusorin ///


Songs zum Sonntag /// 140424

Apnoe/// Tiefseetaucher greifen auch mal nach den Sternen - jedenfalls die Band Apnoe mit ihrer neuen Single „Sterne greifen“: Auch im Deutschpop, Verzeihung, nein, das ist es wirklich nicht, Deutschrock ! - auch im Deutschrock kommen die 90er wieder, nachdem die 80er schon in der dritten Zweitverwertung der zweiten Renaissance ins kulturelle Poperbe übergegangen sind: Bei Apnoe kniedeln die Gitarren, dass es eine Freude ist, und auch wenn Wut und Nachdenklichkeit irgendwie noch nebeneinander her zu laufen scheinen, ohne in einem homogenen Rockentwurf aufzugehen, macht es Laune hier geworfene Kürbisse und Weezer durchzuhören, Bildschirmfoto 2024-04-15 um 09.15.34wenn dabei Sätze gesungen werden wie dieser hier: „Ideen bedeuten nichts./ Man schätzt erst was sie nach sich ziehen“ - Apnoe aus Hamburg sind vielleicht noch nicht ganz bei dem angekommen, was ihnen als Band vorschwebt, aber wenn Pop nur aus Musik bestünde, die schon fertig und perfekt ist, würden wir uns auch schrecklich langweilen. /// https://apnoemusic.de/ /// „Kommando Elefant“ könnte man schon Deutschpop nennen, jedenfalls dann, wenn man den Begriff als solchen nicht schon negativ eintütet - hier hören wir jedenfalls Synthpop at it’s best, der jedes 80er-Retro-Gehabe schon in eigenes Erklingen integriert hat. Die neue Single „ich will Dich nicht verlieren“ hätte man, anders produziert, auch als Schlager Bildschirmfoto 2024-04-15 um 11.41.10ausbauen können; wie eine rote Traube zum Rosé wird das leicht schlüpfrige des Songtextes („Ich will Dich in die Arme nehmen, ich will Dich zelebrieren.“) hier aber zum weitschweifig zweifelndem Popsong, der sich ein wenig älter anhört, als er zugeben mag. /// http://kommandoelefant.at/ /// Und es gibt auch Neues von Lena: Die Vorabsingle „Loyal To Myself“ ihres kommenden Albums gleichen Namens. Das ist, wie man es von Lena mittlerweile gewohnt ist, durchproduzierter Bubble-Pop, dessen Loyalität, wenn man dieses Wortspiel erlaubt ist, eher dem Mainstream als der eigenen Persönlichkeit gilt - mithin also schon eine verheissungsvolle Lüge, doch was wäre Pop schon, wenn er nicht gut lügen würde? Oder anders gefragt: Was hat Lena von der Loyalität zu sich selbst, wenn diese klingt wie der Durschschnitt schwedischer Hitmaschinen? Immerhin: Hier wird jede Boombox zur Konzert-PA. /// https://www.lena-meyer-landrut.de/ ///


... und Songs des Jahres

... wie immer kommen in meinen Songs des Jahres keine Titel vor, die auf einem der Alben des Jahres sind - es ist natürlich immanent, dass mir Lieder auf klasse Platten gefallen ...

Bildschirmfoto 2023-12-20 um 12.06.3501 Sophie Hallberg / I had it all < video >

02 Florian Paul / an und für sich < video >

03 Lou-Adriane Cassidy, Ariane Roy & Thierry Larose  / Le Roy, la Rose et le Lou[p] < audio >

04 Les Amazones d'Afrique - Kuma Fo (What They Say) < video >

05 Paula Carolina / schreien - < video >

06 Mina Richman / Nearly To The End < video >

07 Kylie Minogue / Padam Padam < video >

08 Marika Hackmann / no caffeine < video >

09 Björk ft. Rosalía / 0ral < video >

10 Olivia Rodrigo / vampires < video >


Alben des Jahres


01 Peter Gabriel / i/o 

Disc-peter-gabrielio-2-cds1-blu-ray-disc_1482777Fast 20 Jahre frickelte Perfektionist Gabriel an diesem Album, und wie er hier dichteste, komplexeste Arrangements so luftig, schön und nah erfand, wie sie hier klingen, das ist schon in allen Belangen die hohe Kunst des Pop.

02 Antje Shomaker / Snacks

Mit zwei, drei Feinjustierungen an ihrem Popentwurf entwickelt Shomaker hier einen Deutschpop zwischen Indie und Mainstream, der selbst in seinen darkesten Momenten höchst vergnüglich stimmt.

03 Fatoumata Diawara / London Ko

Nie war mehr Pop in ihrem Weltenblues, selten war so viel Wahrheit in Popmusik. ASSET_MMS_128804681

04 Crucchi Gang / Fellini

Die Truppe um höchsten Eisenbahner Francesko Wilking hat einen charmanten Chamber-Italopop erfunden, mit dessen Mitteln an Klassiker des Deutschpop erinnert wird -wahnsinnig schön!

05 Jeanne Balibar / D’ici là tout été

Synthiechanson zwischen bestürzendem Rollenspiel und blankem Ernst - französischer als hier klingt das Jahr 2023 nirgendwo.

06 Lana Del Rey / Don’t you know that there’s a tunnel under the ocean boulevard

Ab67616d0000b27325156a823e825025ca2de859Der pastellene Feminismus in einem depressivem Amerika büßt auch auf dem achten Album nichts von seiner künstlichen Schönheit ein.

07 Deichkind / Neues vom Dauerzustand

Kids in meinem Alter mögen das.

08 Maria Basel / Bloom

Auf ihrem Debüt-Album gelingt der Wuppertalerin Basel eine schwebende Musik zwischen Singer-Songwriting, Indiepop und Neosoul mit schöner Prise bescheidenen Kitschs.

09 Charlotte Brandi / an den Alpraum

Kunstlied meets Pop in einem Zwischenraum merkwürdigster Songtexte.

10 Herbert Grönemeyer / Das ist los

Nachdem Grönemeyer 30 Jahre versicherte, niemals zur NDW gehört zu haben, macht er 2023 auf einmal ein NDW-retro-Album - selten war er selbstironischer, der liebe Herbert.

> morgen: Songs des Jahres ! ! !!


Deutschpop ist keine ICE-Haltestelle mehr

Foto 22.10.23  19 21 08::: Bereits vor ein paar Wochen ist ein neuer Song des in Rumänien geborenen Popmusiker „Sorin“ erschienen: „Shallow Waters“ beginnt als sich verlierende Folk-Ballade und gleitet sanft in Dreampop-Sphären, in denen innere Bilder rauschhaft wirken können. Dieser Art von Spacetrip kann man sich nicht bei jedem Hören überlassen, aber wenn man das Ganze an sich ranlässt, trinkt man mit Bon Iver auf dem Mond einen Rotwein - weird! ::: < VideoLink >::: Pink hat zusammen mit Sting und mit dem DJ und Prodcucer, der einen leeren Farbeimer auf dem Kopf trägt, einen Song von Sting überschrieben - „Fields Of Gold“; nämlich, dessen zentrale Melodie hier nun auch bei "Dreaming" den Refrain stellt - im Dance-Rhytmus der Stadion-Disko. Braucht das Irgendwer? Nein. Richtet es Schaden an? Nein. ::: Die junge Popsängerin „mille“ veröffentlicht heute ihren Song „Heimat“, und das ist astreiner, gut gemachter Deutschpop - Bildschirmfoto 2023-12-15 um 10.52.24eine Klavierballande, die sich mit Stimmeffekten, seichten Beats und Gitarrenriff auflädt und ein wenig einer emotionalen Entladung entgegenstrebt, die dann aber ausbleibt - und dieses Nichteinlösen scheint mir aber absichtlich da klassische Deutschpop-Dramaturgie; das gefällt mir so weit ganz gut, aber ob das wirklich noch funktioniert? Bei aller Sympathie für diese Sängerin, „mille“: Auf diesem Deutschpop-Bahnhof hält seit diesem Jahr kein ICE mehr. ::: < Video-Premiere> Freitag 15.12. um 14 Uhr ::: XYTtGvug "Davon geht die Welt nicht unter", sang einst Zarah Leander, und nun hat der Singer- und Songwriter FALK diese Zeile für sich entdeckt und seinen neuen Song so genannt. Der Song kommt im Deutsch-Rockgewand daher: In den Strophen reiht FALK Ungereimtheisfloskeln des Alltags aneinander, von denen er im Refrain dann subsumiert, die Welt ginge davon nicht unter; was auch stimmt. Auch hier muss man aber konstatieren, dass die Kapelle auf dem sinkenden Schiff Deutschpop weiter Schlager spielt, während andere auf die Rettungsboote klettern - und es kommt immer noch Nachwuchs hinter her. Leicht wird es FALK mit diesem seinen Popentwurf also nicht haben, da helfen auch meine Sympathien wenig. ::: < Song-Visualizer > ::: Die Soul-Popwerpop-Ballade „You Owned Me“ des jungen Popsängers Bildschirmfoto 2023-12-15 um 11.07.20„Battal“ kommt dramatisch daher - und handelt auch von Dramatischem: Sie berichtet von Missbrauch und häuslicher Gewalt durch den Vater des singenden Ichs; aber auch von der Bewältigung dieser entsetzlichen Erfahrungen nicht zuletzt mit eben diesem Song. Mag die Befreiung aus Zwängen und die daraus resultierende Selbstfindung auch ein oft besungener Topos der Popmusik sein - hier wird man mit emotionaler Wucht fast schon überrollt: „When you owned me, / Did you feel powerful? / When you disowned me, / Did you think I care about you / When you owned me, / Did you feel powerful? / Cause now that I own me, / I got the power to let power go.“ - beindruckend ehrlich - Respekt. ::: Battal < Linktree > :::


offiziell glücklich

Bildschirmfoto 2023-09-21 um 12.20.28::: Die  Zeiten, in denen der Mittwoch des Reeperbahnfestivals noch etwas ruhiger und leerer ist, sind allem Anschein nach vorbei - das Imperial-Theater ist um 21:30 h zwar noch nicht so gut gefüllt, aber die RBF-app meldet durchaus Locations, in denen Einlass-Stop verhängt wurde, und auch die Reihen des Kiez-Theaters, in den derzeit Edgar Wallace’ „Die blaue Hand“ spielt, füllen sich nach und nach. Im Bühnenbild dieses who-dunnit treten aber in dieser Woche Musiker:innen auf, und ich sah dort die Irin Ailbhe Reddy, die mit wunderschönen Songs einen filigranen Indierock spielt, der manchmal nach Folk mit elektrischen Instrumenten klingt - zwei Gitarren, Bass, Schlagzeug; wenn es solche Bands nicht mehr gibt, sind wir verloren - wunderbar. ::: Deutlich voller dann im Knust, in dem Bildschirmfoto 2023-09-21 um 12.17.26Paula Carolina auftritt, und die hat auch schon einige Hits im Gepäck, die die Leute mitsingen. Der NDW-huldigende Indiepop ist im Studio eher mit Zurückhaltung und auf Stimme und Text fokussiert produziert, live (und in ihrem neuen Song "offiziell glücklich" schon auch) kommt das ganze eher als Postpunkrock daher, als hätte die erschreckend professionelle Band einen Workshop bei IDEAL besucht, deren „Berlin“ auch mindestens einmal vom Keyboarder direkt zitiert wird. Dieser noch unfassbar jungen Popsängerin, gehört die Zukunft des Deutschpop, die wird berühmt, davon bin überzeugt. ::: Feiner, filigraner und stiller hatte ich den Abend im Grünen Jäger, 100 Meter meiner Wohnung begonnen und beendet: Die Sängerin und Songwriterin „C’est Karma“ aus Luxemburg trat mit Pianist auf, der auch Keyboard und Ableton live bediente, und die beiden holten ihre Popsongs aus dem Chanson ab und bliesen sie mit Effekten und Autotune zu leicht bombastischen Synthiepop auf. ::: Während Mina Richman in gleicher Location zu später Stunde akustischen Bluesfolk suchte und fand: Die Sängerin schreibt wunderbare Lieder und hat eine Band dabei, die sie mit akustischer Leidenschaft spielt, und Mina Richmans Stimme wandert von tremolofreier Energie zu trotziger Neugier in zig Stile: Für mich der Schluss- und Höhepunkt eines großartigen ersten Tages vom Reeberbahnfestival 23 :::

https://www.cestkarma.com/ ::: http://www.ailbhereddy.com/

https://www.paulacarolinamusik.de/ ::: https://minarichman.de/ 

 


Mixtapes und Karteikarten

Die Kassette wird 60

Die Audio-Kassette wird 60, und das weckt Erinnerungen. In den 80ern wussten wir, dass eine Chromdioxid-Kassette besser war - auch wenn wir den Grund dafür nicht kannten. Wir kannten die Tricks, dass man am oberen Rand ein Teilchen Plastik heraus brechen musste, um die Kassette unüberspielbar zu machen, und ebenso war bekannt, dass ein Stückchen Tesa reichte, um diese 009-685-00 Art Kopierschutz aufzuheben. Auch Bandsalat wussten wir zu beheben; aber das Schönste an den Tapes war natürlich, dass man sie auf dem Schulhof herum reichen konnte, weil jemand die neue Platte von Depeche Mode schon hatte und sie auf Kassette überspielen würde. Als Falk und ich 1987 aus London wieder kamen und dort die am selben Tag erschienenen neuen Alben von Housemartins und The Smiths mitbrachten, die in Deutschland noch nicht erhältlich waren, hatten wir Kassetten mit Namen darauf in Warteschleifen zuhause vor dem Plattenspieler liegen, da es ja die Länge eines Albums dauerte, um diese zu überspielen und ein Nachmittag natürlich nur begrenzt Zeit bot. (Interessanter Weise handelte es sich bei den beiden genannten Alben übrigens nicht nur um zwei Platten mit besonders langen Namen, „the people who grinned themselves to death“ und „strangeways here we come“, sondern auch, wie sich nachher heraus stellten sollte, um die jeweils letzten Alben der beiden Bands …). Aber natürlich war die Kassette auch ein Mittel der Liebeserklärung und von Freundschaftsbekundungen, weil man Mixtapes zusammen stellte. Und wirkliche Nostalgie überkommt mich, wenn ich an die Tapes denke, die ich erwartungsvoll vor dem Radio sitzend zusammen stellte. Die Anzahl meiner am Radio zusammen gestellten Compilations war irgendwann so hoch, dass ich diese Kassetten durchnummerierte und mir eine Kartei anlegte - für jede vertretene Band gab es eine Karte, auf der Stand dann, auf welcher Kassette an welcher Position der und der Hit drauf war - herrlich. 

So sah das das aus:

a-ha

Take on me             069 A 122

Cry Wolf               089 B 037

Hunting High And Low   072 A 317     

66816Diese Kartei anzulegen war ein riesiger Spass, auch wenn ich sie so gut wie nie brauchte, denn letztlich wußte ich zumindest bei den Songs, die wirklich liebte, wo diese zu finden waren. Und die Position fand man im Übrigen auch nur dann zuverlässig, wenn man die entsprechende Tape-Seite zurückspulte und dann den Zähler des Tapedecks auf Null stellte. (Ich müsste eigentlich mal schauen, ob ich diese Kartei noch habe, viele der Kassetten sind noch da …) - jedenfalls kann man es nicht anders sagen: Kein anderer Tonträger prägte die Entstehung meines Musikgeschmackes so sehr wie die Kassette: Happy Birthday!


Wie wird es schön?

Die vielversprechende EP des jungen Popmusikers Fabian Saller

ONhANPggDie soeben erschienene EP des Sängers und Songwriters Fabian Saller „place / time“ klingt nach Deutschpop auf Englisch. Und vielleicht trifft es das auch: 4 Songs über die Unsicherheiten eines jungen Mannes Mitte 20 oder auch (nur) die Suche nach Problemen, über die es sich singen lässt. Gegen dieses Konzept, um Pop zu entwerfen, ist erstmal nichts einzuwenden, und Fabian Saller mach auch handwerklich alles richtig, weiß, wie ein Refrain funktioniert, ist als Sänger in der Lage versiert ins Falsett zu singen, um in höheren Lagen eine Spur Soul mit in den Pop zu nehmen; auch findet er Zeilen jenseits der Lyric-Setzkästen, und seine Band beherrscht zudem den kompakten Instagram-Funk, den auf social Media eine junge Generation virtuoser Popmusiker:innen erfunden haben, die nicht recht wissen, was sie mit ihren Instrumenten spielen sollen, die sie so toll beherrschen. Das Meiste also wurde hier richtig gemacht; aber dennoch denkt man: Handelte Pop nicht, oder Rock zumal, auch mal vom Kontrollverlust? Und führte uns die Verlockungen des Hedonismus vor Ohren? Wenn man an allen Ecken und Enden alles gut macht, was bleibt dann am Ende des Tages übrig? Vielleicht sind es in der Popmusik auch manchmal die Momente, in denen man zumindest riskiert hat, dass irgendwas nicht funktioniert. Dass man an der einen Kreuzung mal links abbiegt, obgleich seit Generation von PopmusikerInnen mit dem linken Abzweig ganz gut gefahren sind. Das Unperfekte kann zur Schönheit führen, das risikofrei perfekt Gemachte bietet einen guten Grundstock, ein Fundament, aber es ist noch nicht die Musik an sich, die berührt. Mit Fabian Saller also ist ein großartiger Musiker am Werk, dem seine Versiertheit an manchen Stellen im Weg steht, den es sich aber weiter zu verfolgen lohnt; und hörenswert ist seine EP „place / time“ allemal. /// - LINK: < YouTube-Channel > mit Videos zu allen vier Songs der EP - ///


Heute neu - die Freitagskolumne

Jbs/// Jocelyn B. Smith habe ich durch meine ehemalige Mitbewohnerin in Berlin kennen gelernt, das muss etwas 25 Jahre her sein, da haben wir sie live gesehen. Heute ist sie immer noch als Popmusikerin aktiv, inzwischen durch das Musical „König der Löwen“ deutlich bekannter. Heute erscheint eine neue Single von ihr, „Dancing In The Dark“ (nein, kein Springsteencover) - ein Dance-Soul-Song mit housigem Uptempobeat. Kompositorisch mag das nicht das Nonplusultra sein, aber Jocelyn B. ColinSmith hat eine Stimme, mit der auch mittelmässige Nummern großer Pop werden. Wie sie dann im Video mit der beinahe 80-jährigen Stilikone Günther Anton Krabbenhöft tanzt, ist so unwiderstehlich charmant, dass man über diese Veröffentlichung eigentlich nur glücklich sein kann. /// „Call Me A Mess“ nennt das Kölner Duo „colin“ ihre neue Single - während im Text die Entropie des Alltags von Mittzwanzigern besungen wird, geht es musikalisch eher 60d9992a-9023-09ec-9619-c080f46e9aaf britisch verhalten zu und das im klassischen Gewand versierten, Gitarren wie Synthiesounds enthaltenden Indiepops. Der Song kommt wenig aufregend daher, aber die unbeschwerte Dreistigkeit, sich einen Popsong lang Zeit zu nehmen, von inneren Chaoszuständen zu erzählen, empfinde ich als befreiend und wundervoll melancholisch. Da finde ich mich selbst wieder, obgleich die beiden Typen von „colin“ altersmässig vermutlich meine Söhne sein könnten. Da sie es aber nicht sind, kann ich guten Gewissens sagen: Bloss nicht aufräumen, Jungs. /// Da geht es bei Julia Kautz ein wenig aufgeräumter zu, womit ich wohl den „Heribert Fassbender“-Award der konstruiertesten Überleitungen bekommen könnte. Julia Katz jedenfalls ist versierte Songschreiberin für zum Beispiel Wincent Weiss, Cassandra Steen oder Max Mutzke; und das hört man auch ihrer Single „Utopia“ an - im Guten wie im etwas Statischen: Kautz beherrscht versiert die klassische Mechanik des Deutschpop, ein melancholisches Flussbett für Hörer:innen zu machen, die gänzlich unmelancholisch sind, durch die man dann einen melancholischen Uptempofluss fliessen lassen kann - so ist der empfundene Kitsch quasi ein sich selbst prophezeiendes Perpetum Mobile der Traurigkeit für untraurige Menschen. An sich kann ich damit also nicht so viel anfangen. Im Falle besagter Single „Utopia“ aber steht dem hoch professionellem Songwriting die skizzenhafte Machart entgegen: Hingehuscht produziert klingt dieser Song so, als sei er dafür gemacht, für ihn eine Sängerin zu finden, für die man ihn dann ausformuliert, aber genau das etwas Unfertige der Machart und der unterkühlte Gesang fangen für mich ganz fluffig den sich selbst Bildschirmfoto 2023-06-30 um 11.24.54prophezeienden Kitsch auf. /// Das Lied „rosarot“ hat seinen Sänger sozusagen gefunden und ist ausproduziert - wenngleich die Machart hier sicherlich zurückhaltend ist, ein Ballade über einen One-Night-Stand, von dem sich das singende Ich mehr erhofft hat und noch immer erhofft - die Suche nach Liebe also, der Pop so viel zu verdanken hat, hier ist auch wieder. Moritz Ley gibt sich hier verschwindend bis zerbrechlich still, und wer kürzlich Ähnliches erlebt hat, wie erwähnt singendes Ich dieses Liedes, wird hier vermutlich in Tränen ausbrechen - also: Ein Song, der seine Berechtigung FNsZDmzuhat, aber hallo, auch wenn er mich persönlich jetzt nicht anspringt. /// House, Soul, Pop, Funk, Jazz - alles diese Stile könnte man nennen, wenn man den Song „Falling For The Music“ von Olga Dudkova auch nur 30 Sekunden hört - und das bleibt auch so. Ein Song, der sozusagen die eigene Multistilistik dadurch feiert, von der Musik als solchen zu handeln. Und dann auch noch eine fantastische Soul-Stimme einer Globetrotterin - wer hier nicht das Gefühl bekommt, einen kommenden Superstar zu hören, von dessen Bahnhof fahren auch nicht mehr all zu viel andere Züge. ///

links

Jocelyn B Smith "dancing in the dark" < audio >

colin "call me a mess" < audio >

Julia Kautz "utopia" < audio >

Moritz Ley "rosarot" < video > (Video-Premiere: 20.06. um 17 h)

Olga Dudkova "Falling For The Music" < video > (Video-Premiere: 20.06. um 19 h)