Post-Charts-Pop

Heute neu - die Kolumne am Freitag


Can I call you up tonight_ ArtworkHätten Jacob Fortyhands in ihrer Kurzbio stehen, dass sie einen Songwriting-Kurs bei Coldplay belegt hatten - man würde es sofort glauben: Alternative-Pop, der immer nach Stadionbreite schielt, sich dabei selber aber nicht zu ernst nimmt - letztlich aber doch in tiefe Emotionen mitnehmen will. Das ist natürlich ein Rezept, das immer auch schief gehen kann - wie ein Soufflé, das nicht aufgehen will oder wieder in sich zusammen sackt, wenn man es aus dem Ofen nimmt - ein Popentwurf mit hohem Risiko also, wenn man so will. Aber Jacob Fortyhands haben meistens die Melodien und Refrains im Gepäck, mit denen der Laden läuft - so auch bei der neuen Single „Can I call you up tonight?“: Easy Riff, fluffige Bridge, charmante Hook. Sie machen also alles richtig, so sehr, dass man sich bei dieser Band wünscht: Macht ruhig auch mal was falsch. /// < YouTube-Kanal > /// Bildschirmfoto 2024-04-17 um 12.48.20 Nicola Rost ist als Solokünstlerin kaum bekannt, obgleich sie eine der cleversten Autor:innen deutscher Songtexte ist, die wir haben, und zudem eine fantastische Sängerin: Bekannt ist sie eben als Mitglied von Laing, die ihre großartigen Chansons über Liebe und Nicht-Liebe im Großstadt-Dschungel als Elektropop umsetzen. Da Rost aber so sehr Laing ist und die anderen Sängerinnen auch ein ums andere Mal schon gewechselt haben, fragt man sich ein wenig, warum sie nunmehr auch solo veröffentlicht: „Paare, die nie streiten“ heißt ihre zweite Single, und ein Album kommt auch demnächst. Der Song ist an sich klassischer Laing-Pop, aber so ganz kommt das Ding nicht aus dem Quark: Die Synthies knarzen nicht ganz so präsent, der Beat bleibt ein klein wenig im Hintergrund, und was auch fehlt, sind eben die einzigartigen dreistimmigen Kurz-Chöre, die den lakonischen Rost-Gesang so gekonnt aus dem Pop in den Chanson heben. Kurzum: Nicola Rost klingt ohne Laing ein wenig wie ein Sängerin, die gerne wie Laing klingen würde. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass ein Album von Rost doch toll ist - bzw. ich glaube, dass Nicola Rost nicht in der Lage ist, ein schlechtes Album zu machen. /// < Video > ///


Schichten und Lagerfeuer

Fast könnte man denken, Folk habe Hip Hop als das wesentliche Genre im Pop abgelöst. - vielleicht übertriueben aber, in Zeiten, in denen Beyoncé ein Country-Album heraus bringt, kann ein neues Bon Iver Album eben auch aus Berlin kommen. Mutmasslich kann der Sänger und Songwriter „Sorin“ den Bon-Iver-Vergleich auch nicht mehr hören, aber die Art und Weise, wie hier Songs, die man als Folk verortet in spacig-elektronische Synthiebreiten gezogen werden, ist sicherlich eine Vorgehensweise, um den Popentwurf des ursprünglich rumänischen Musikers GlnHs8s_„Sorin“ zu beschreiben. Auch die zurück gehaltene und dennoch präsente Stimme Sorins trägt dazu bei; manchmal weiß man nicht genau, ob sie chorisch geschichtet wurde oder natürlich vielschichtig klingt - Spoiler: beides kommt vor. Und immer wenn man auf diesem Album „While The Tides Turn“ denkt, man sei doch bei Synthpop gelandet, kommt schon wieder eine Akustikgitarre um die Ecke; und umgekehrt. Irgendwann aber gibt man das Schubladen-Denken auf und sich der Platte hin.

Dazu passt, dass das Album auch lyrisch von Veränderungen handelt, und der Tatsache, dass der Effekt der Veränderung irgendwann zur Konstante wird, oder dass es immer auch Sinn machen kann, der Eintönigkeit des Alltags etwas Einzigartiges, Verändertes abzuringen. Die Art und Weise, wie sich Musik und Texte die Hand geben, macht „While The Tides Turn“ fast zu einem Konzeptalbum, das dazu einlädt es mehrfach im Ganzen zu hören.

Dennoch gibt es natürlich auch Songs, die als Einzelwerke Bestand haben: Der Opener, das nur zwei Minuten kurze „Circles“ ist in seiner Einfachheit, in seinem Skizzenhaften wie ein Lagerfeuerglücksgriff, während sich das deutlich produziertere „Rivers To The Sea“ als eine Art minimalistisches Bestandteilschichten ausnimmt, das wie im Titel die der Platte die Gezeiten zu wechseln scheint. Somit ist „While The Tides Turn“ ein Meisterwerk aus dem Nichts.

https://linktr.ee/intusorin ///


Postironie

Bildschirmfoto 2023-10-07 um 23.16.52 ::: neue Singles von Newcomern ::: Der britisch unterkühlte Soul oder RnB oder beides unterspült nach und nach den globalen Pop mit seiner postironischen Dancebarkeit und seiner 90er-Attitüde. Nicht nur im Hyper-Minstream kommen die Popentwürfe von Rita Ohra (aus dem Kosovo, heute in London ansässig) oder Dua Lipa (aus Albanien, heute in London ansässig) an, jetzt geht das los, dass diese von noch jüngeren Künstlerinnen nachgebaut und eigen-variiert werden. Womit wir bei Leonora wären, eine junge Wuppertalerin, die mit dem heutigen Erscheinen ihres Songs „Mamas Favourite“ eine 5-Track EP komplettiert - und dieser neue Song ist mitreissend funky und zeitgemäss produziert - gute-Laune-Uptempobeat-Soul wie eine Schwebebahn - prima. ::: YouTube Audio Bildschirmfoto 2023-10-07 um 23.17.33::: Eine merkwürdige Härte sucht Fahrlænd, das Projekt des Sängers und Musikers Daniel Fahrländer. Er sucht diese Härte aber nicht mit den Soundmitteln des Rock, sondern mit denen des Elektropops. Verzerrte Synthieflächen, stolpernde Beats und etwas nöliger Gesang prägt seine neue Single „kaputt“; die mit dem O-Ton des Meme gewordenen Tischzertrümmerers Nikel Palat beginnt: „… und deshalb mache ich jetzt diesen Tisch hier kaputt“ - ein wenig hinkt der Song selber dann der Wut des ehemaligen Ton-Steine-Scherben-Managers Bildschirmfoto 2023-10-07 um 23.18.04 hinter her - und dennoch denkt man: Alles, was diese Musik erreichen möchte, ist, so weit man das beurteilen kann, gut in die Tat umgesetzt, aber ich kann mit dieser Tat nicht so viel anfangen; ausser vielleicht zu rufen: Ironie kann manchmal auch Spass machen. ::: YouTube Video ::: Würden Scooter einen Song namens „Kaffkiez“ machen, würde HP Baxxxter wahrscheinlich „How much is the Kiez in diesem Kaff?“ rufen. Fraglich, ob das funktionieren würde, aber es ist eben auch umgekehrt: Die Band Kaffkiez hat einen Song namens „Scooter“ gemacht, in dem die Zeile „Kommst eh nicht lebend raus sagte Scooter irgendwann“ vorkommt, und mit diesem Scooter könnten tatsächlich die Techno-Ruf-Formation „Scooter“ gemeint sein. Davon unabhängig ist der Song aufbauend - ohne viel Ansprüche, was irgendwie eine sympathische Attitüde ist: „Es ist ok wie es ist .Ich hab vor morgen manchmal Schiss. Das ist ok. Keine Sorge ich komm klar. Bin ab Bildschirmfoto 2023-10-07 um 23.18.52morgen wieder da. Doch bin ok“; der komprimierte Poprocksound, der hier den Ton angibt könnte für meinen Geschmack etwas ruppiger sein, aber das ist eine sympathische Band. ::: YouTube Video ::: Und dann noch mal recht klassischer Deutschpop. Mh, nee. Deutschrock. Was aber ist Deutschrock? „Ich hänge mich auf an Deiner Welt“, singen farbfilter. zu klassischem Rockriff - auch hier kann man nicht anders, als die Band, die diesen Song „Schwarzer Sommer“ spielt, mögen - wenn es solche nicht mehr gibt, kann man alles Andere auch bleiben lassen, auch wenn ehrlich sagen muss: Dieser schwarze Sommer setzt sich mir nicht im Ohr fest. Aber da höre ich weiter hin, wenn was mit diesem Farbfilter daher kommt. ::: YouTube Video :::


Wie wird es schön?

Die vielversprechende EP des jungen Popmusikers Fabian Saller

ONhANPggDie soeben erschienene EP des Sängers und Songwriters Fabian Saller „place / time“ klingt nach Deutschpop auf Englisch. Und vielleicht trifft es das auch: 4 Songs über die Unsicherheiten eines jungen Mannes Mitte 20 oder auch (nur) die Suche nach Problemen, über die es sich singen lässt. Gegen dieses Konzept, um Pop zu entwerfen, ist erstmal nichts einzuwenden, und Fabian Saller mach auch handwerklich alles richtig, weiß, wie ein Refrain funktioniert, ist als Sänger in der Lage versiert ins Falsett zu singen, um in höheren Lagen eine Spur Soul mit in den Pop zu nehmen; auch findet er Zeilen jenseits der Lyric-Setzkästen, und seine Band beherrscht zudem den kompakten Instagram-Funk, den auf social Media eine junge Generation virtuoser Popmusiker:innen erfunden haben, die nicht recht wissen, was sie mit ihren Instrumenten spielen sollen, die sie so toll beherrschen. Das Meiste also wurde hier richtig gemacht; aber dennoch denkt man: Handelte Pop nicht, oder Rock zumal, auch mal vom Kontrollverlust? Und führte uns die Verlockungen des Hedonismus vor Ohren? Wenn man an allen Ecken und Enden alles gut macht, was bleibt dann am Ende des Tages übrig? Vielleicht sind es in der Popmusik auch manchmal die Momente, in denen man zumindest riskiert hat, dass irgendwas nicht funktioniert. Dass man an der einen Kreuzung mal links abbiegt, obgleich seit Generation von PopmusikerInnen mit dem linken Abzweig ganz gut gefahren sind. Das Unperfekte kann zur Schönheit führen, das risikofrei perfekt Gemachte bietet einen guten Grundstock, ein Fundament, aber es ist noch nicht die Musik an sich, die berührt. Mit Fabian Saller also ist ein großartiger Musiker am Werk, dem seine Versiertheit an manchen Stellen im Weg steht, den es sich aber weiter zu verfolgen lohnt; und hörenswert ist seine EP „place / time“ allemal. /// - LINK: < YouTube-Channel > mit Videos zu allen vier Songs der EP - ///


Unterwasserbeat

Gloria Nussbaum und ihre neue, wunderbare Single "water"

TWADRhssAls ginge auch der Beat unter Wasser, oder man höre den Song „Water“ mit den Ohren im Selbigen, so hingehuscht und daher gehaucht hört sich die neue Single der Sängerin und Songschreiberin Gloria Nussbaum an. Obgleich diese noch kein Album veröffentlicht hat, kann man auch in den letzten drei Singles dieses Jahres im Unterschied zu ihrer ebenfalls aus 2023 stammenden EP „Camel Blues“ eine Entwicklung erkennen; klangen die Songs auf dem Mini-Album noch nach elektronisch aufgepopten Indierock oder gar -folk, sind Nussbaums neuere Veröffentlichungen bekennend elektronischer und schubladenmässig im Bereich des Synthipops zuhause. „Water“ nun, heute erschienen, kommt so unterspannt und leichtfüssig daher, wie es vielleicht nur Wasser kann - eine simple, fast bluesige  Singmelodie durchstöbert Synthieflächen und einen erwähnt wie im Flüssigen verschwindenden Beat. Das Ganze scheint so lässig aus der Hand geschüttelt, wie man das eigentlich nur von Lorde kennt. Gloria Nussbaum ist in ihrer Biografie und ihrem Popentwurf eine Globetrotterin und, um das Wortspiel einmal gemacht zu haben, mit vielen musikalischen Wassern gewaschen und jenseits von Wortspielen in Sachen Popmusik ein riiiiiesiges Talent. (Ich sag mal ganz nebenbei, dass ich Selbiges vor vier Jahren über "Jain" und ihren Song „Makeba“ gesagt habe - und zwar < HIER > -  und nun wird dieser Song urplötzlich zum weltweiten Hit auf tiktok und instagram - schauen wir also mal, wo Gloria Nussbaum in vier Jahren steht. Ihr erfahrt es bestimmt hier, im Popticker.)

 


Songs zum Sonntag /// 040623

Bildschirmfoto 2023-06-04 um 15.42.17/// „Wir wollen alles und ein Happy End.“, singt Anika Auweiler in ihrem neuen Song, der auch so heißt: Wir wollen alles. Das erwünschte Happy End ist ihr programmatischer Ausruf zum Beginn des Pride Month, und mit allem, das sie wollen, meint Auweiler queere Sichtbarkeit im Alltag- und Mediengeschehen. Dazu hat sie sich für das Musikvideo von 16 Vereinen und Netzwerken kurze Clips schicken lassen, die sie zu einem Kurzfilm montiert hat. Cover1Der Song selber ist eine Piano-Uptemponummer bei der der Einsatz von Autotune für mich ein wenig fehlplatziert klingt - es passt einfach nicht recht zum sonst sehr authentischen Gestus des aktivistischen Liedes. /// Auch bei AMAU gibt es Autotune - aber hier scheint häuslicher: Deutsch-Soul mit Funk-Gitarre. Der Song „ich und meine Homies“ klingt, als wäre AMAU eine ein Wiedergänger des leider schon verstorbenen Edo Zanki. Kann man machen - ist aber nicht so sehr meine WIese. /// Auch Gloria Bildschirmfoto 2023-06-04 um 15.35.53Nussbaum nutzt den Stimmefekt Auotune - sie aber  eher für flächig geschichtete Hintergrundchöre ihrer neuen Single „INK“. Der Song klingt damit, als würde eine Synthiepopband in einer Kirche auftreten. Während wir es bei ihrer kürzlichen erschienenen Single „Maze“ und auf der seit Anfang des Jahres erhältlichen EP „Camel Blues“ eher mit elektronisch unterfütterteten Indierock zu tun hatten, sind wir mit „INK“ nun bei blubberndem Elektropop. Wenn noch irgendwo Gitarren zu hören sind, gefällt mir der Nussbaumsche Popentwurf besser, aber die tremolofrei eingesetzte Folk-Stimme mit jazzigem Timbre dieser tollen Sängerin macht das allemal wett. /// Videos /// "Wir wollen alles" /// "ich und meine Homies" /// INK - ist noch nicht erschienen ///


Von der Verheissung zur Presets

Drei Newcomer:innen und ihre heute, Freitag den 05.04.23, erscheinenden Singles

Bildschirmfoto 2023-05-04 um 12.59.48/// „Du hörst den Trapbeat viel zu laut / isst deinen Mettigel und kaust mit Mund auf. / Ich glaub ich raste aus / Du fragst mich “hast du PMS, / oder vielleicht zu selten Sex?” / Reiß dein Maul noch weiter auf / und es gibt Stress!“, singt Paula Carolina zu Beginn ihrer neuen Single „Bitte Bitte“, und wer ihren Popentwurf aufgrund dieser Zeilen irgendwo zwischen NDW und Deichkind einsortiert, hat schon irgendwie Recht damit, aber die und Art und Weise, wie hier jegliches Blatt vor dem Mund in Grund und Boden gesungen wird, die Selbstverständlichkeit wie hier die globale Mensplaining-Lobby zum Schweigen aufgefordert wird, das ist so leichtfüssig eigen, dass selbst NDW und Deichkind vermischt noch zu kurz greifen. Paula Carolina ist in ihrer popgewordenen Wut die größte Verheißung, seit es Ideal nicht mehr gibt. /// Ähnliche Hoffnung weckt Gloria Nussbaum - allerdings in einem ganz anderen Sub-Genre der Popmusik. Während ihre ersten beiden Singles „twenty“ und „highest“ die Fühler in elektronischen Soul ausstreckten, ist ihre heute erscheinende, dritte Single „Maze“ fast schon in der Indietronica oder in synthesiertem Folk zuhause. Zwar übertreibt Nussbaum hier an mancher Stelle das Gehauche, und hin und wieder möchte man ausrufen: NUN SING DAS DOCH MAL MAZE CoverAUS! UND RAUS! - aber dennoch überwiegt der Eindruck, dass hier eine großartige Songschreiberin und Sängerin nach einem Sound für ihre Ideen sucht, und dass das mal riesig werden könnte. /// Ein Pop-Suchender ist sicher auch Filo, der seine Musik selber als Optimism-Pop bezeichnet. Mit seiner großen Brille bringt dieser Filo aber nicht nur Optimism sondern auch Nerdism in seine Musik, womit man auf Umwegen auch wieder bei Indietronica wäre, ein Substil, für den vor zehn, zwölf Jahren der auch irgendwann mal eine gewisser Caribou konstatierend war. 1OTwTTRY
Vielleicht ist es abwegig, sich an diesen kanadischen Musiker zu fühlen, wenn man nun das neue Lied von Filo „places“ hört, aber man kann sich auch des Eindrucks nicht erwehren, dass die melancholische Verspieltheit eines Caribou, für die es eben vor eben einem Jahrzehnt noch ein hohes Mass an Know-How brauchte, um sie in Sounds zu suchen und zu giessen, heute zu den verfügbaren Presets gehört, die man ohne viel Umstands am Apple erspielen kann. Wenn man von dem teils etwas ungelenkem Englisch absieht, ist der Newcomer Filo auf jeden Fall ein hörenswertes Beispiel, auf welchem Niveau man sich Pop-Mittel klauen kann, ohne verstohlen zu klingen, wenn man einen guten Song im Gepäck hat: und den hat Filo. /// Videos /// verlinkt um 10 Uhr ///


Songs zum Sonntag /// 010423

SMALLCover_Criminal2/// Sophie Hallberg hat am Freitag ihre zweite Solo-Single „Criminal“ veröffentlicht - ihre erste war < hier > auch schon Thema. Der neue Song ist glasklarer Jazz-Soul in verschlepptem Uptempo, Akustikgitarre und E-Piano und walking-bass, fantastisch gesungen und sucht im easy-listening-Gewand versierte Tiefe. Der Song handelt von der Sehnsucht, sich vom Ballast des Alltags im gegenständlichen wie abstrakten Sinne zu befreien, sowie von der Hoffnung, Freiheit in der Liebe zu finden. Zum großartig Folowmemusikalischem Gewand gesellt sich hier also auch wunderschönes Songwriting: Von allen Newcomer:innen, die ich in letzter Zeit so gehört habe, ist Sophie Hallberg die Vielversprechendste - das ist erhabene, wunderschöne Popmusik. /// Zu den Überraschungsgästen in den Charts in diesen TikTok-Zeiten kommt in dieser Woche nun noch Amanda Lear, deren sphärischer Diskohit „follow me“ urplötzlich auf Platz 11 der Single-Charts steht - keine Ahnung warum. (Letzte Woche begrüßten wir in Jeniffer Rush in der Hitparade, ach!) - Grund genug, mal wieder Amanda Lear zu hören, deren queerer Metapop 2023 zeitgemäss ist, woran man erkennen kann, dass er Ender der 20er seiner Zeit voraus war. /// Links /// Amanda Lear mit "follow me" in "ZDF Disco" 1978 < hier > /// Sophie Hallberg " Criminal", audio < hier > ///


Eigenblutdoping

Das Eigencover als Album-Konzept - diese Idee hatten „die fantastischen Vier“ und „U2“

Bildschirmfoto 2023-03-20 um 13.04.01Zwei Bands, die es schon recht lange gibt, haben Alben herausgebracht, auf denen sie sich selber covern - „die Fantastischen Vier“ und „U2“. Da kann man ja schon mal die Frage aufwerfen, warum Bands zu diesem Mittel des Eigencovers greifen. Promotion-Sprech dürfte sein, dass die Bands wichtige Songs ihrer Karriere einer Frischzellenkur unterziehen, um ihre Tauglichkeit in aktuelleren Popgewändern anzutesten. Zudem bietet das Eigencover ebenso wie das Covern überhaupt auf recht direkte Weise das Potential von Pop im Allgemeinen: Das Neue wieder-erkennen.

Schauen wir also erst einmal auf die beiden Werke im Spezifischen: U2 haben für „Songs Or Surrender“ sage und schreibe 40 Werke ihres Oeuvres neu eingespielt. Darunter sind einige ihrer Hits wie „Where the streets have no name“, „One“ oder „I still haven’t found, what I’m looking for“ (Letzteres haben sie auf „rattle & hum“ sogar schon mal selbst gecovert) - es finden sich aber auch randseitige Lieder wie „11 O’Clock Tick Tock“ oder „Peace on earth“ in dieser Sammlung. Jedes Mitglied hat augenscheinlich 10 Lieder ausgewählt, denn 4 Teil-Alben tragen jeweils die Vornamen der U2s: Larry, Edge, Bono, Adam. Die Band hat die Songs größtenteils entschlackt, ihre Breitwandigkeit eliminiert und mit schlichtem Band-Sound - Bass, Gitarre, Gesang - aufgenommen - merkwürdiger Weise ohne Schlagzeug. Da Drummer Larry Mullen in letzter Zeit ohnehin leicht isoliert in der Band zu sein scheint und bei der Las-Vegas-Residency in diesem Jahr gar nicht spielen wird, nähren sich Spekulationen über dessen Ausstieg, wozu der Popticker jetzt nichts sagen kann. Aber wie dem auch sei: 40 Songs lang U2 ohne gigantische Edge-Gitarren-Flächen, ohne viel Produktionsaufwand, fast durchweg im gleichen Uptempo und ohne Schlagzeug - sorry aber: Schnarch!

Bildschirmfoto 2023-03-20 um 13.03.27Fanta 4 haben für ihre „Liechtenstein Tapes“ hingegen 15 ihrer Lieder neu aufgenommen und sich hierfür einen Bandsound ersonnen, der mutmasslich auch von ihrer Live-Band stammt - kaum noch Samples, funky-Bässe und Gitarrenlicks, hin und wieder mischt sich Hall unter Chöre und Bläsersätze oben drüber. Das ist zweifelsohne versiert in die Tat umgesetzt, aber wenn man ehrlich ist: So viel anders als die Originale sind diese Versionen dann auch nicht. Man kapiert einfach nicht den Mehrwert der Eigencover gegenüber ihren ursprünglichen Versionen.

Vielleicht liegt die lähmende Langweile der beiden Alben einfach an dem mangelndem Interesse an der Bands an ihren eigenen den Songs. Mit einer gewissen Berechtigung sind sowohl die Fantas als auch U2 offenbar davon ausgegangen, das Covern eigener Songs brächte als Konzept aufgrund der puren Nähe zum eigenen Werk bereits eine Idee für jeden Einlzelsong mit sich. Aber Covern existierender Lieder setzt auch immer voraus, dass man wirklich eine neue Idee an sie heran und in sie hinein trägt - ganz gleich, wer die Lieder schon einmal veröffentlicht hat. Aber hier herrscht wirklich zweimal gähnende Ideenleere. Nur das Cover von den Fantas ist wunderschön.


Merkste nicht selber?

Erkenntnis-Hacks in Popmemes: Dauerzustand Deichkind

4260393330894„Neues vom Dauerzustand“, so HEISST nicht nur Deichkinds neues Album, so ist auch die Dramaturgie eines neuen Deichkindalbums an sich - ihre Musik ist, seit sie die volle Wandlung von Deutschrap zum Diskurs-Elektropop vollzogen hat, ein Dauerzustand, und vom eben diesem berichtet ein jedes, neues Album. Verblüffender Weise ist ihr Popentwurf trotz seiner Fortdauer aber noch immer formbar und somit in der Lage, tatsächlich neu zu sein - womit wieder poptickers alter Aphorismus bewiesen wäre, nachdem wir im Pop das Neue wieder-erkennen. Im aktuellen Fall war schon die Vorab-Single von „in der Natur“ derart strange und deichkindisch, dass man selbst das bizar darin verbaute Jodeln als Teil ihres Soundentwurfes hinnahm: „In der Natur / Wirst du ganz langsam verrückt / Und plötzlich wünscht du dich so sehr zum Hermannplatz zurück.“ - so geht die Indernaturlyrik noch recht traditionell gebaut. Mit dem zuletzt ausgekoppelten „Kids in meinem  Alter“ dann sind Deichkind aber im Minimalpop ihrer Selbst angekommen: Das ist kein Lied mehr im eigentlichen Sinne, eher ein ironisch unterkühlter Rant, ein Pop gewordenes Meme, eine gesprochene, gebrabbelte Zustandsbeschreibung der Generation irgendeines Buchstabens, unter dem eine fast atonale Synthielinie und ein trappender Beat sitzen: „Er hat Fashion-Advisor, holt sich Klamotten-Packs / Wollte sich gesund stoßen mit Coronahilfen / Sehnsucht nach einer Zeit / Herr des Hauses / Hochgezüchtete Männerversteher*innen sind verunsichert“ - ein Pop-Proton weniger, und wir hätten es mit einem experimentellen Hörbuch zu tun, und das Hören dieser Musik ist weniger ein Hörerlebnis als vielmehr ein Endlos-Scrollen durch Zeitgeist spiegelnde Floskeln und Floskeln des verworrenen Zeitgeistes - gut, könnte man nun sagen: Das sind Sätze zur Rettung des Popfeuilletons, Du Spex-Blogger Du; aber man kann es auch einfacher sagen: Deichkind spielen spätestens mit „Neues vom Dauerzustand“ in der eigenen Liga.

Das Erstaunliche an der Stabilität des Signature-Sounds von Deichkind ist, dass die Geschichte dieser Formation derart von Personalwechseln geprägt ist, dass man in der Hinsicht schon von den Fleetwood Max des Deutschrap sprechen könnte - von den anfänglichen drei Rappern ist nur noch Philipp Grütering (alias Kryptik Joe) übrig - Malte Pittner und Buddy Buxbaum verliessen die Formation 2006 bzw. 2008, weil ihnen der neue Elektro-Sound missfiel, und der, der diesen Sound erfunden hatte, Sebastian Hackert, starb 2009. Live-Aushilfe Ferris Hilton wiederum wurde 2008 vollständiges Mitglied und schied 2018 dann wieder aus. Die nominellen drei festen Mitglieder sind heute neben Kryptik Joe, der wohl das kreative Zentrum ist, Sebastian „Porky“ Dürre und Henning Besser aka Dj Phono.

Ein anderes Lied auf dem neuen Album ist eine Aufzählung moderner Absurditäten, die stets mit dem aus Socialmedia-Forums stammenden irony-speech „merkste selber“ kommentiert werden: „Boomer haten, aber Bierschinken auf das Brot / Selbsthilfegruppen / Merkste selber, ne? / Datenschutz Setting bei WhatsApp einstellen / Cringe / Merkste selber!“ - da wird man gewahr, dass man es eben manchmal selber nicht merkt, sondern dass Deichkind es für einen merken müssen. Dann hören wir es und denken, wir hätten es selber gemerkt - die allmähliche Verfertigung des Gedankens beim Pop-Hören also.