Weltmusik

Fluffige Welt

Wunderbare Musik von Tania Saleh aus dem Libanon

 

Die gleichsam sehr persönliche wie auch höchst politische Musik der libanesischen Sängerin Tania Saleh ist für mich die erste hinreissende Pop-Entdeckung in diesem Jahr - ihr vor zwei Wochen erschienenes Album „10 A.D.“ höre ich derzeit beim Kochen und Entspannen. Der Titel steht hier im Übrigen nicht für „anno domini“, oder zumindest nicht nur, sondern für „after divorce“ - die Platte Slehfeiert sozusagen ihren Scheidungs-Geburtstag. Auf Deutschlandfunkkultur sagte Tania Saleh dazu letzte Woche: „Ich wollte über mein Leben in diesem Land als geschiedene Ehefrau sprechen.“ Gleichzeitig eben ist der Titel mit seinem Verweis ins Altertum Teil ihrer Mission: „Mittelalterlich mutet es an, dass im Libanon nach wie vor religiöse Gerichte und die Scharia-Gesetzgebung über Heirat, Scheidung, Unterhalt oder Sorgerecht urteilen.“ - die Wut und Verzweiflung, die Saleh in Musik giesst, merkt man den Liedern zunächst einmal nicht an, man muss sie sich, wenn man kein Arabisch spricht, anlesen oder eben im Radio dazu-hören, denn ihre Musik klingt an sich versöhnlich. Doch natürlich schlummert genau in diesem scheinbaren Widerspruch ihr Reiz: Klavierballaden, ziehen sich in arabischen Harmonien mit chanson-haften Streichern, jazzigen Upbeats und getragenem Gesang in die Breite, Synthies, Oud und Bläser verorten die Lieder in der Welt, in der Schönheit. Tania Saleh kann beiläufig wie im Pop singen, Pathos wie im französischen Chanson erzeugen, sie findet zu spoken-word performances auf fluffigen Rhytmen, und urplötzlich kann sie auch rappen und schichtet ein E-Gitarrensolo auf leise Lieder. Ich komme nicht von dem Begriff, der Weltmusik los, den viele inzwischen ablehnen, aber wenn man Welt in der Popmusik hat, trifft er doch zu. Jenseits dieser Frage ist „10 A.D.“ eine famose Platte.


Auch vier Arten Pferde legen sich auf den Broadway

Das Warten hat ein Ende: Ein neues Album von Peter Gabriel

Ha, natürlich kann Peter Gabriel machen, was er will -  völlige künstlerische Freiheit hat er eh, und sollte ihm seine Plattenfirma reinreden wollen, was er tun oder lassen soll, dann ist das auch er: Real World, wo  „i/ o“sein erstes Studioalbum nach 21 Jahren erscheint, gehört ihm. Man könnte sich aber durchaus vorstellen, dass Gabriel den Humor hat, als Label-Betreiber sich selber anzusprechen, auf seiner neuen Platte brauche es aber wieder einen funky Hit, einen „Sledgehammer“ eben. Dann hat er sich hingesetzt und „Road To Joy“ gemacht, das funky Brett auf „i/o“ mit sattem Beat, Disco-Streichern und fluffigen Synthietupfern - großartig.

IoNatürlich ist das Album „i/o“ brilliant -  gleichermassen höchst privat, handelt von Liebe, Alter und Spaziergängen (der Titelsong), und dennoch ist dieses Album hochpolitisch und utopisch („the court“ und „panopticum“) -und der für mich bislang tollste Song, das herrlich verschleppte „Four Kind OF Horses“, in der Gabriel ein Land, eine Welt skizziert, in dem weder ein gut- noch ein bösartiger Superheroe Fuss fassen könnte, und man steigt nie ganz durch, ob hier von inneren Kämpfen oder politischen Symbolen gesungen wird, von Pferden oder von Menschen und ihrer begrenzten Zeit auf dem Planeten Erde - seit je her ein zentrales Thema von Gabriels Liedern. Die Lyrics von "Four Kind Of Horses" sind ein stetes allegorisches Parallelogramm, wie Gabriel es erstmalig mit „The Lamb Lies Down On Broadway“ geschrieben hat. Dieser Song ist ein Kunstwerk an sich, auf einem Album, dass viele Perlen zu einem Ganzen sammelt.

Der Popsound von „i/o“ ist stets komplex, symphonisch breit, jazzig verspielt, elektronisch hübsch und niemals abgehoben, staubrocken beatig, und man hört wiederum jedem Lied an, dass es am Piano entstanden ist. Die Detailverliebtheit, mit der hier jeder der 12 Songs ausproduziert wurde, wie sich Intros, B-Teile, Bridges und Strophen einerseits klaren Songstrukturen andienen und sie gleichzeitig verschachteln und aushebeln ist von hoher virtuoser Kunst, und gleichzeitig ist eben diese Virtuosität niemals nur Selbstzweck.


zwischen Indiestatement und Popitüde

Gestier/// heute neu: Die Freitags-Kolumne /// Wer indie klingen möchte, verbaut in seinem Popentwurf gern ein gewisses Understatement, woraus bestenfalls, da Pop ja schon auf sich selber und die eigene Coolheit verweist, gegensätzliche Bewegungen resultieren. Das kann natürlich dann ein schmaler Grad sein, denn wer zu wenig Aufhebens um sich selber macht, verliert den Pop aus den Augen, und wer zu sehr nach vorne prescht, vergisst leicht die Kunst der Bescheidenheit. Der neue Song von Moritz Ley könnte für meinen Geschmack ein klein wenig mehr Popluft atmen - fast verschwindet „Geisterstadt“ hinter dem Indiewillen des Genre-Entwurfs. Was an sich schade Lenaist, denn hinter den melancholischen Texten des Songwriters scheint immer auch ein lakonischer Hedonismus auf, und das hört man dieses Mal nicht recht raus; ändert aber nichts an meinen Sympathien für den Musiker Moritz Ley. /// < Video > /// Lena leidet nun nicht gerade daran, sich zu wenig nach vorne zu trauen - im Gegenteil, man weiß schon fast nicht mehr, was der Hauptberuf von Frau Meyer-Landrut ist: Musikerin oder Influencerin. Nun. In Wirklichkeit sind die Grenzen eben fliessend, und auch wenn ich Lena nichts wirklich übel nehmen kann, so muss man doch konstatieren, dass sie bei ihrer AMF Cover Finalbrandneuen Single „Straitjacket“ selber durcheinander kommt und das eher der Popsong einer Influencerin ist als von einer Musikerin: Alles klingt hier perfekt - Dua-Lipa-Disco-Beat, 4-to-the-floor, Autotune, klare Melodie, Synthiestreicher, B-Teil - aber es bleibt nichts davon hängen, nichts scheint besonders, nichts klingt lenalike. Macht aber ja auch nicht. Vermutlich bin ich eh nicht mehr der Adressat der Musik von Lena. /// < YouTube-Audio > /// Zurück zum Indie-Understatement: „colin“, ein Duo aus Köln, suchen ihre Musik eher in bescheidener Melodie-Melancholie; und haben ihrem Indiepop-Genre, das in den Folk reinschnuppert, schon den ein oder anderen tollen Song abgerungen. Ihr neuer Streich, „all my fault“, mag ein wenig höhepunktlos daher kommen, aber in der Summe hören wir hier beiläufigen, wunderschönen Softrock. /// < YouTube-Audio > /// Die für mich Amazoneswichtigste Neuveröffentlichung heute ist die erste Single des dritten Albums von „les amazones d’afrique“ - das Kollektiv aus weiblichen Popstars des afrikanischen Kontinents: „Kuma Fo“ vereint auf einem fluffiigem Dancebeat mit weltigen Breaks die Stimmen (und was für Stimmen!) von Mamami Keïta, Fafa Ruffino und Kandy Guira, die wir auch schon auf dem ersten beiden fantastischen Alben hören konnten, und von dem neuen Mitglied Alvie Bitemo. „Kuma Fo’ is about women’s freedom of expression.“, heißt es im Promotext, und dem ist fast nichts hinzuzufügen: Dieser Track ist frei und befreiend, und das kommende Album, welches bei Peter Gabriels Label „Real World“ erscheint, macht der Platte von Gabriel selber nur deswegen keine Konkurrenz um dem Titel des Album des Jahres 2023, weil es erst nächstes Jahr erscheint. /// Grandioses < Video > ///


Unterwasserbeat

Gloria Nussbaum und ihre neue, wunderbare Single "water"

TWADRhssAls ginge auch der Beat unter Wasser, oder man höre den Song „Water“ mit den Ohren im Selbigen, so hingehuscht und daher gehaucht hört sich die neue Single der Sängerin und Songschreiberin Gloria Nussbaum an. Obgleich diese noch kein Album veröffentlicht hat, kann man auch in den letzten drei Singles dieses Jahres im Unterschied zu ihrer ebenfalls aus 2023 stammenden EP „Camel Blues“ eine Entwicklung erkennen; klangen die Songs auf dem Mini-Album noch nach elektronisch aufgepopten Indierock oder gar -folk, sind Nussbaums neuere Veröffentlichungen bekennend elektronischer und schubladenmässig im Bereich des Synthipops zuhause. „Water“ nun, heute erschienen, kommt so unterspannt und leichtfüssig daher, wie es vielleicht nur Wasser kann - eine simple, fast bluesige  Singmelodie durchstöbert Synthieflächen und einen erwähnt wie im Flüssigen verschwindenden Beat. Das Ganze scheint so lässig aus der Hand geschüttelt, wie man das eigentlich nur von Lorde kennt. Gloria Nussbaum ist in ihrer Biografie und ihrem Popentwurf eine Globetrotterin und, um das Wortspiel einmal gemacht zu haben, mit vielen musikalischen Wassern gewaschen und jenseits von Wortspielen in Sachen Popmusik ein riiiiiesiges Talent. (Ich sag mal ganz nebenbei, dass ich Selbiges vor vier Jahren über "Jain" und ihren Song „Makeba“ gesagt habe - und zwar < HIER > -  und nun wird dieser Song urplötzlich zum weltweiten Hit auf tiktok und instagram - schauen wir also mal, wo Gloria Nussbaum in vier Jahren steht. Ihr erfahrt es bestimmt hier, im Popticker.)

 


i / o

Popmusik, wie sie wundervoller kaum sein kann: Peter Gabriel auf seiner aktuellen Tournee

Peter-GabrielSeine frühen Alben hat Peter Gabriel nicht benannt, die Fans nennen sie nach visuellen Eindrücken der Cover („car“, „scractched“ und „melt“), und seither reichen ihm immer zwei Buchstaben: „So“, „Us“, „Up“ und nun nach 17 Jahren Wartezeit erscheint in diesem Jahr  „i / o“, von dem wir bislang 6 Songs kennen - samt und sonders Meisterwerke in Gabriels Oeuvre, und zu jedem Vollmond kommt ein neuer Song dazu. Das hält den Musiker aber nicht davon ab, mutmasslich alle Lieder von „i / o“ auf seiner derzeitigen Tour zu spielen - 12 an der Zahl, von denen das Publikum also die Hälfte gar nicht kennt. Trotz seines inzwischen stattlichen Alters von 73 Jahren handelt es sich bei dieser Tournee also nicht um einen nostalgischen Rückblick sondern um die klassische Konzertreihe aus Anlass einer neuen Platte. Und so wenig man diese Platte also wie gesagt kennt, so sehr kommt man aus dem Staunen nicht heraus - „and still“ ist eine stille Ballade mit dem klassischen Gabriel-E-Piano-Sound, „road to joy“ ist eine Hommage an seinen „Sledgehammer“ und „Home“ ist symphonischer Reggae - kein Song ist wieder andere, und doch merkt man schon im Konzert, dass alles aus einem Guss kommt.

Gabriel hat eine erschreckend versierte Band zusammen gestellt, unfassbare Musiker:innen; neben Manu Katché Ayanna2-w870an den Drums, Tony Levin am Bass und David Rhodes an der Gitarre, mit denen er teils seit 50 Jahren zusammen spielt, hat er sich für den Motown-Funk-Sound im Gabriel-Popentwurf Don Mc Lean an den Tasten dazu geholt, und für die orchestrale Breite Josh Shpak am Flügelhorn und anderen Blasinstrumenten, Marina Moore an Bratsche und Geige, Richard Evans an weiteren Gitarren und Mandolinen und dann noch, heimlicher Star dieser Tournee, die Cellistin Ayanna Witter-Johnson - wenn sie hinter ihrem Cello mit Peter Gabriel "don't give up" (den Part von Kate Bush) singt, wer da nicht Tränen in den Augen hat, da weiß ich auch nicht. Und dann ist er natürlich noch da, Peter, er mag 73 sein, aber er singt wie eh und je wunderschön, dass man schmilzt.

Gut, wenn Gabriel spielt, bin ich eh nahe am Wasser gebaut - schon wenn er am Anfang auf Deutsch „jetzt kommt die Flut“ spielt, mit Keyboard auf dem Schoss und Tony Levin an dessen Stick genannten Bass mit 16 Saiten begleitet, dann war bei mit kein Halten mehr. Im zweiten Stück, "growing up", kommt nach und nach die ganze Formation an einem künstlichen Lagerfeuer zusammen, ach! Was hier mit diesen Musiker:innen auf die Bühne gespielt wird, ist meines Erachtens ein Höhepunkt der Popgeschichte, zum verrückt Werden schön.


Pop- und Soultropfen

Das großartige Album "Mantra" von KAT

Das Intro zoomt sich aus scheinbarer Ferne heran, sphärische Synthie- und Vocal-Flächen schichten sich auf, bis man auf dem Album „Mantras“ willkommen geheissen wird und schliesslich der erste Song beginnt: „Divine“ kommt im verschachtelten 8/4-Takt gleichsam eingängig wie merkwürdig sperrig daher und setzt damit die Klangfarbe für das gesamte Album - auch im lyrischen Sinne: „So listen closely: I don’t have any answers. But I do have a song / I’m a bird, and I sing.“ Davon, wollte man die Songs auf Katdiesem Album auf einen Nenner bringen wollen, handeln eben diese: Von der Kraft der Musik für den Hörenden ebenso wie für die Musizierende KAT, die mit diesem Album eine Krebserkrankung verarbeitet.

Dafür hat sie hat sieben Jazz-Songs auf dieser Platte, von denen Soul und Pop tropfen, und die mit fluffigen Melodien und doppelbödigen Texten nie den einfachsten Weg gehen, sondern sich Trampelpfade durch den Dschungel von Allem, was wir so hören, suchen. Ihre Stimme zieht auf diesen Pfaden viele Register: Von deepem Soul-Timbre über jazzige Konnotationen und flapsige Pop-Beiläufigkeiten bis hin zu flächigen Prog-Klängen ersingt KAT unterschiedlichste Klangfarben und führt ihre Musik damit auch immer wieder aus der Gefahr von harmlosen Lounge-Jazz. Heraus kommt ein erstaunlich ungehörter Popentwurf, den man gerne als Album hört, den man aber sofort auch irre gerne mal live geniessen würde. Ein wirklich faszinierendes Album.

Link: < YouTube-Channel > von KAT (mit Videopremiere der Single "Rose" heute am 21.04.23)


RIP Ryuchi Sakamoto

Ryuchi Sakamoto ist gestorben, und ich muss sagen, dass ich so vieles über den japanischen Komponisten, Musiker, Pianisten, Dirigenten und Vermittler gar nicht weiß - aber eines seiner Alben ist eines meiner all-time-favorites: „Beauty“ aus dem Jahre 1990. Es war dies die Zeit, in der ich vieles, was man damals Weltmusik nannte, hörte, und „Beauty“ ist, wie immer man heute zu dem Begriff Weltmusik stehen mag, voller Welt: traditionelle japanische Instrumente, Flamenco-Gitarren, indische, malische, senegalesische, brasilianische Trommeln, türkische Laute, Jazzmusiker:innen, Chöre und wunderbare Sänger:innen - neben Sakamoto selber, Robert Wyatt, Nicky Holland, Brian Wilson, Laura Shaheen und Youssou N’Dour - um nur einige zu nennen.

Beauty_By_Ryuichi_Sakamoto_1989

Mit dem illustren Kreis an Musiker:innen (Wikipedia listet alleine 35) schichtete Sakamoto einen globalen, homogenen Popsound, einen Weltteppich merkwürdiger Beats und unbekannten Melodielinien, in dem ein altes japanisches Volkslied „Chinsagu no hana“ indisch mit Beat und spanisch mit Gitarre unterfüttert wird, oder Rollings Stones’ „We love you“ als funky Disko-Track eine kurze Reise in die Ägäis und nach Bamako unternimmt. Das Album hat so viele Ideen, Wendungen und Klänge, wie manch Musiker:in nicht in zehn Alben hat, und so viele Überraschungen in den Arrangements und gesungene Sprachen, dass diese Musik an sich schon eine Utopie des menschlichen Miteinanders, des Friedens und der Humanität ist.

Schlicht und ergreifend, ich wiederhole mich, eines der besten Pop-Alben aller Zeiten - hört Euch nur mal "Diabaram" an: Ein paar Akkorde auf E-Piano und die Stimme von Youssou N'Dour sowie später ein Kokyū-Solo - wunderbar! Findet ihr < hier >.


Unterkühlter Pathos

„Fight Back“ von Michael McCain und Agnetha Ivers

Die Single „Fight Back“ ist die zweite Kooperation zwischen dem Produzenten Michael Mc Cain und der Sängerin Agnetha Ivers - mit der ersten hatten wir uns bereits < hier > beschäftigt. Das ist in hohem Masse ungewöhnliche Musik: Ein klöpplender Beat bildet das Cover_fight_back30-sekündige Intro, auf dem sich dann weitere 30 Sekunden die Zeilen „Nobody will listen, will you hear me wiederholen.“, erst dann beginnt das, was man Strophe nennen könnte, indes orchestrale Effekte den Song auf Breitwand ziehen, dann crescendiert ein B-Teil das Lied zu einem theatralen Höhepunkt, ehe es dann, obgleich noch eine Minute übrig sind, auszutropfen scheint. Aber weit gefehlt: Nach 2:45 wechselt urplötzlich noch mal die Tonart.

Dieser  so verschachtelte Song scheint einem Film entsprungen, den wir nicht kennen. Er verfolgt eine stete Dramaturgie ohne sich klassischen Songstrukturen anzubiedern, und die Melodie ist auch nicht überliefertes Pop-Know-How, während der Text ein Echo, ein Rant gegen Schweigen in Zuständen der Unterdrückung ist. Wer immer sich hinter dem Namen Michael Mc Caine verbirgt - dieser Mensch weißt, was er tut, und er scheint es zu geniessen, nun unter anderem Namen, den keiner kennt, einen in allen Belangen ungewöhnlichen Popsong zu machen, der alle wesentlichen Effekte von Pop konterkariert, und in Agnetha Ivers hat er eine Sängerin gefunden, die in tremolofreiem, klarem Gesang unterkühlten Pathos hineinsingt. Ein aussergewöhnlicher Song von einem aussergewöhnlichem Duo.

Link: < musikvideo >


Poltische Lieder

/// Songs zum Sonntag /// 150123 ///

Why_from_hell_cover/// Der orchestrale Popentwurf, der hinter dem Song „Why From Hell To Redemption“ steckt, fände vielleicht auch auf dem ESC seinen Platz, zumal der verbindende Ansatz, mit dem der Song auf die „women life freedom“-Bewegung im Iran aufmerksam machen will, eine ähnliche Hintertür für ein politisches Statement sucht und findet, wie es beim per se ja unpolitischen Eurovision Songcontest oft gemacht wird. Mit 0-8-15-Pop haben wir es hier freilich aber nicht zu tun. Der Song stammt von Michael Mc Cain, ein offenbar bekannter Produzent und Komponist, der nun ein Pseudonym benutzt, und der Sängerin Agneta Ivers. Er beginnt mit der präsenten Stimme dieser: „See their faces watching over me over me“, und darunter brummen merkwürdige, tiefe Blasinstrumente, das orchestrale Klangbild reichert sich dann mit Streichern, Glocken und einem einfachen Beat. ESC war meine erste Assoziation, aber man könnte sich auch in einem Fall befinden, im Abspann einer Netflix-Serie mit Fantasy-Mittelalter und viel Pathos. Wenn sich ein Song zu solch einem Kitsch aufplustert, kann man mal wieder sehen, zu was Tollem Pop in der Lage ist. Bildschirmfoto 2023-01-15 um 13.58.27/// Andere Band, anderer Sound, andere Sprache - fast Alles ist anders bei „ok.danke.tschüss“; dennoch könnte man eine Parallele zwischen deren neuem Song „Soldat“ und dem zuvor thematisierten von Michael Mc Cain  und Agneta Ivers ziehen: Beide sind der Versuch eines politischen Liedes. Während aber „Why From Hell To Redemption“ erwähnte Hintertür sucht und die Lyrics allenfalls über den Umweg einer poetischen Deutung ein politisches Statement setzen, sind „ok.danke.tschüss“ direkter und konkreter: „Soldat“ ist letztlich die Aufforderung zu desertieren: „Soldat, leg die Waffen nieder, Du hast soviel zu verlieren. Soldat, kehr heim, und komm nie wieder, was willst Du Deinen Kopf riskieren. (…) Soldat lass und älter werden und nicht vor unseren Eltern sterben.“ - diese Lyrics der großartigen Songtexterin Eva Sauter dieser wunderbaren Band erinnern fast an politische Liedermacher:innen wie Walter Mossmann oder Wolf Biermann (der tatsächlich auch mal ein Lied namens „Soldat“ geschrieben hat.) Bei „ok.danke.tschüss“ ist diese ernste, pazifistische Note eine neue Dimension, denn in dem bisherigen Songkatalog (sprich: in einigen Singles und ihrem bislang einzigem Album „kaputt weil’s nicht funktioniert“) finden sich keine explizit politischen Songs - mich bewegt das; sehr. Auch wenn ich zugebe, dass mich „ok.danke.tschüss“ auch bewegen würden, wenn sie das Telefonbuch sängen. ///

/// Links /// „Why Hell Before Redemption“ < Video > /// "Soldat" < bandcamp audio > ///


Big Sister

„Songs zum Sonntag“-Spezial: Der erste Song von Peter Gabriels neuem Album nach 21 Jahren Pause

Dass Peter Gabriel kein TikTok-affinen Song veröffentlicht, ist jetzt natürlich keine Überraschung - ein Künstler, der sich einst weigerte, seinen Song „Down To Earth“ für den Auftritt bei der Oskar-Verleihung auf drei Minuten zu kürzen, nimmt sich auch bei  PeterGabriel_Panopticom-jpeg-copy-734x734seiner ersten Single für das erste neue Album seit über 20 Jahren die Zeit, die er braucht; aber wenn man das dann hört, merkt man den eigenen Hörgewohnheiten dann schon an, dass ein Song, der ein Intro in drei Teilen hat, und bei dem der Gesang erst nach 50 Sekunden einsetzt, heute eine Ausnahmeerscheinung ist. „Panopticom“ heißt er, und er klingt ohne Zweifel nach Peter Gabriel - wollte man als Sound-Referenz eines seiner Vorgänger-Alben nennen, es wäre wohl sein letztes, „Up“ von 2002: Verschiedenste Song-Teile, die ineinander gleitend Flächen öffnen, trockene Beats in schroffe Sphären schieben, Synthklavier-Töne tropfen lassen und sich in Refrains nach oben öffnen, was der gute Peter so unvergleichlich singen kann; es ist sozusagen Gabriel-Handwerk, und es macht den Fan natürlich glücklich.

„Panopticom“ ist die Vision eines positiven Big Brothers, Big Sister nennt Gabriel es in einem < Video >, in dem er über seine neue Platte spricht; die Idee, dass Ungerechtigkeiten nie und nirgends mehr unsichtbar bleiben. Der Song steht somit in in direktem Zusammenhang mit der von Gabriel mit gegründeten Menschenrechtsorganisation „witness“ (Link < hier >), die Bürger:innen von Unrechtsstaaten Kameras zu Verfügung stellt, um jene Sichtbarkeit zu erreichen, die er nun also in den Song „Panopticom“ besingt. (*) Und diese poetische Naivität als Nebenzweig tatsächlichen Menschenrechtsaktivismus ist offenbar im Allgemeinen der Kosmos, in dem das kommende Album von Peter Gabriel „i/o“ verortet ist. Mithin ein zunächst etwas trocken anmutendes Thema für Musik, aber Peter Gabriel hat auch schon Emotionen aus ein Lamm, dass sich auf dem Broadway ausruht, oder einem Schmiedehammer heraus geholt. Dennoch: Ein Liebeslied wie „In your eyes“ oder ein Smash-Hit wie Sledgehammer werden wir wohl nicht mehr serviert bekommen; ach aber - wer weiß.

Mit jedem Vollmond wissen wir ab sofort mehr, denn mit jedem Vollmond erscheint ab sofort eine neue Single seines vierten 2-Buchstaben-Albums (nach „So, „Us“ und „Up“), und ich werde mich um Neutralität bemühen; und daran scheitern - bin dann zu sehr Fan und hatte Tränen in den Augen als am Freitag „Panopticom“ erschien.

*- Gabriel nennt noch zwei weitere Organisationen, um zu verdeutlichen, was er mit seiner Idee des Panopticoms meint, die beide Daten-Forensik betreiben: "bellingcat" und "forensic architecture" 


Alben & Songs des Jahres

Bildschirmfoto 2022-12-14 um 11.32.02... wie immer unfassbar subjektiv und ebenfalls wie immer habe ich bei den Songs nur solche reingenommen, die nicht auf einem der Alben des Jahres sind. Nicht wie jedes Jahr habe ich in diesem Jahr als jemand, der nicht streamt, deutlich weniger Neues gehört als sonst, wodurch mir bestimmt tolle Musik entgangen ist - wie gesagt: Unfassbar subjektiv halt.

ALBEN

01 Florian Paul & die Kapelle der letzten Hoffnung / auf Sand gebaut < Huldigung >

02 M / Révalité < Link-Tree >

03 Katie Melua & Simon Goff / Aerial Objects < Playlist Youtube >

04 Ariane Roy / Medium Plaisir < Website >

05 Sona Jobarteh / Badinyaa Kumoo < Website >

06 Laura Veirs / Found Light < Bandcamp >

07 Tocotronic / nie wieder Krieg < Narrativer >

08 Tears For Fears / The Tipping Point < Poptickers Lob >

09 Maggie Rogers / Surrender < Website >

10 Nits / Neon < nicht nur Dutch Mountains >

SONGS

01 Camille / Humaine(Herbert Grönemeyer-Cover) < official audio >

02 Ka2 & Gabrielle / i natt < official audio >

03 Lana Del Rey / Did you know that there is a tunnel under Ocean Boulevard < official audio >

04 Herbert Grönemeyer / Deine Hand < video >

05 Fishbach / Masque D’Or < video >

06 S10 / De Diepte < ESC >

07 Camilla Cabello / Bam Bam < echt jetzt? >

08 Les sœurs Boulay / Les lumières dans le ciel

09 Dominique Fils-Aimé / Go Get It < video >

10 Deichkind / in der Natur < video >