Wunderbar!

Ich bin wichtig

Antje Schomaker möchte snacken

Was Antje Schomaker kann, kann nur Popmusik: So blubbernd anspruchslos mit Selbstermächtigung und Motivationen heraus blubbern, das so gar nichts mehr anspruchslos erscheint, und gleichzeitig mit so wenigen Türen in so viele Häuser fallen, dass Bildschirmfoto 2024-03-12 um 14.26.00etwaig düstere Einbrecher gar nicht erst vertrieben werden müssen, weil diese mittanzen - das muss man erst einmal können.

„Snacks“, Schomakers aktuelles, auch schon wieder 5 Monate altes Album, ist auch erst Ihr Zweites. Aber seit dem Folk-Pop auf dem Debüt „Von Helden und Halunken“ 2018 ist einiges geschehen und erschienen - Singles und Kollaborationen, die von einer Stilsuche erzählen, die immer wieder bei sehr schönen Ideen angekommen war: „Ich muss gar nichts“ schleuderte Sprechgesang auf die NDW, „Verschwendete Zeit“ erinnerte im Sound ganz allgemein von den 80ern, und bei „Ich bin wichtig“ für die achte Folge Kinderpopreihe „Unter meinem Bett“ fand sich ein ganz und gar unverstellter Weg, sich mit Songtexten zu öffnen und gleichzeitig sehr direkt an Hörer:innen zu wenden. Auf diesen drei Eckpfeilern  - gesprochener Gesang , 80s-Remiszenzen und verstrahlt ehrliche Songtexte - beruhen nun die Songs auf „Snacks“: Schomaker holt die Gitarren zurück und elektrifiziert sie, um also einen Indie-Pop-Rock mit herrlichem Blödsinnn bis hin zu sagenhaft lyrischer Ehrlichkeit auszurollen, in dem man sich herrlich emotional verheddern kann - das mag vielleicht nur Pop sein, aber es gibt Dinge, die nur Pop kann, wenn er von denn von solch tollen Musiker:innen ist wie Frau Schomaker …


... und Songs des Jahres

... wie immer kommen in meinen Songs des Jahres keine Titel vor, die auf einem der Alben des Jahres sind - es ist natürlich immanent, dass mir Lieder auf klasse Platten gefallen ...

Bildschirmfoto 2023-12-20 um 12.06.3501 Sophie Hallberg / I had it all < video >

02 Florian Paul / an und für sich < video >

03 Lou-Adriane Cassidy, Ariane Roy & Thierry Larose  / Le Roy, la Rose et le Lou[p] < audio >

04 Les Amazones d'Afrique - Kuma Fo (What They Say) < video >

05 Paula Carolina / schreien - < video >

06 Mina Richman / Nearly To The End < video >

07 Kylie Minogue / Padam Padam < video >

08 Marika Hackmann / no caffeine < video >

09 Björk ft. Rosalía / 0ral < video >

10 Olivia Rodrigo / vampires < video >


Auch vier Arten Pferde legen sich auf den Broadway

Das Warten hat ein Ende: Ein neues Album von Peter Gabriel

Ha, natürlich kann Peter Gabriel machen, was er will -  völlige künstlerische Freiheit hat er eh, und sollte ihm seine Plattenfirma reinreden wollen, was er tun oder lassen soll, dann ist das auch er: Real World, wo  „i/ o“sein erstes Studioalbum nach 21 Jahren erscheint, gehört ihm. Man könnte sich aber durchaus vorstellen, dass Gabriel den Humor hat, als Label-Betreiber sich selber anzusprechen, auf seiner neuen Platte brauche es aber wieder einen funky Hit, einen „Sledgehammer“ eben. Dann hat er sich hingesetzt und „Road To Joy“ gemacht, das funky Brett auf „i/o“ mit sattem Beat, Disco-Streichern und fluffigen Synthietupfern - großartig.

IoNatürlich ist das Album „i/o“ brilliant -  gleichermassen höchst privat, handelt von Liebe, Alter und Spaziergängen (der Titelsong), und dennoch ist dieses Album hochpolitisch und utopisch („the court“ und „panopticum“) -und der für mich bislang tollste Song, das herrlich verschleppte „Four Kind OF Horses“, in der Gabriel ein Land, eine Welt skizziert, in dem weder ein gut- noch ein bösartiger Superheroe Fuss fassen könnte, und man steigt nie ganz durch, ob hier von inneren Kämpfen oder politischen Symbolen gesungen wird, von Pferden oder von Menschen und ihrer begrenzten Zeit auf dem Planeten Erde - seit je her ein zentrales Thema von Gabriels Liedern. Die Lyrics von "Four Kind Of Horses" sind ein stetes allegorisches Parallelogramm, wie Gabriel es erstmalig mit „The Lamb Lies Down On Broadway“ geschrieben hat. Dieser Song ist ein Kunstwerk an sich, auf einem Album, dass viele Perlen zu einem Ganzen sammelt.

Der Popsound von „i/o“ ist stets komplex, symphonisch breit, jazzig verspielt, elektronisch hübsch und niemals abgehoben, staubrocken beatig, und man hört wiederum jedem Lied an, dass es am Piano entstanden ist. Die Detailverliebtheit, mit der hier jeder der 12 Songs ausproduziert wurde, wie sich Intros, B-Teile, Bridges und Strophen einerseits klaren Songstrukturen andienen und sie gleichzeitig verschachteln und aushebeln ist von hoher virtuoser Kunst, und gleichzeitig ist eben diese Virtuosität niemals nur Selbstzweck.


Songs zum Sonntag ::: 121123

An und für sich_COVER::: Wer Florian Paul und seine letzte Kapelle der Hoffnung - nein, die Kapelle der letzten Hoffnung, so rum - kennt, und wer den Popticker liest, wird den Namen schon mal gehört haben, der erwartet vielleicht nicht unbedingt, dass Paul Fan der Frankfurter Eintracht ist, und vielleicht ist er das auch gar nicht, und wie so vieles in seinen Texten ist das Spiel der Eintracht auch eine Allegorie, eine poetisch aus der Zeit gefallene Anspielung: „Doch ich denke an Dich, wenn heute die Eintracht spielt, weil drüben die S-Bahn fährt, die gleich bei Dir hält.“ - wieder einmal ist es eine Bar, in der sich die Szene dieses Liedes "an und für sich", zumindest der ersten Strophe abspielt, ZeT6bCzcund es ist die Bar, die den Kitsch hier aushält, so weit lehnt sich Florian Paul dieses Mal aus dem kitschigen Barfenster, und und seine Vaudeville-Balladen triefen, so auch hier, wie immer vor Schönheit - was für ein ergreifender Song. ::: Video-Link < hier > ::: Mehr Indie-Unterstatement gibt es bei Rahel, hier kniedeln fast schon die Gitarren zwischen zwei Liedern, die soeben als Doppelsingle erschienen sind, zwischen Ich und Du, die Rahel erschienen sind, und nicht immer scheint sie das Ich zu sein: „ Ich küsste dich im Affekt / Muss was verwechselt haben / Du warst nicht mein Zielobjekt“ - fast schon deutschsprachiger Folkrock könnte man das nennen; irgendwie verstehe ich diese beiden Lieder „bitte nicht in blicken“ und „zum Tage des Barsches“ nicht, aber versteht schon Pop - schöne Songs sind es. ::: Rahel Doppelsingle : Video Release 14.11.23 < hier > :::


zwischen Indiestatement und Popitüde

Gestier/// heute neu: Die Freitags-Kolumne /// Wer indie klingen möchte, verbaut in seinem Popentwurf gern ein gewisses Understatement, woraus bestenfalls, da Pop ja schon auf sich selber und die eigene Coolheit verweist, gegensätzliche Bewegungen resultieren. Das kann natürlich dann ein schmaler Grad sein, denn wer zu wenig Aufhebens um sich selber macht, verliert den Pop aus den Augen, und wer zu sehr nach vorne prescht, vergisst leicht die Kunst der Bescheidenheit. Der neue Song von Moritz Ley könnte für meinen Geschmack ein klein wenig mehr Popluft atmen - fast verschwindet „Geisterstadt“ hinter dem Indiewillen des Genre-Entwurfs. Was an sich schade Lenaist, denn hinter den melancholischen Texten des Songwriters scheint immer auch ein lakonischer Hedonismus auf, und das hört man dieses Mal nicht recht raus; ändert aber nichts an meinen Sympathien für den Musiker Moritz Ley. /// < Video > /// Lena leidet nun nicht gerade daran, sich zu wenig nach vorne zu trauen - im Gegenteil, man weiß schon fast nicht mehr, was der Hauptberuf von Frau Meyer-Landrut ist: Musikerin oder Influencerin. Nun. In Wirklichkeit sind die Grenzen eben fliessend, und auch wenn ich Lena nichts wirklich übel nehmen kann, so muss man doch konstatieren, dass sie bei ihrer AMF Cover Finalbrandneuen Single „Straitjacket“ selber durcheinander kommt und das eher der Popsong einer Influencerin ist als von einer Musikerin: Alles klingt hier perfekt - Dua-Lipa-Disco-Beat, 4-to-the-floor, Autotune, klare Melodie, Synthiestreicher, B-Teil - aber es bleibt nichts davon hängen, nichts scheint besonders, nichts klingt lenalike. Macht aber ja auch nicht. Vermutlich bin ich eh nicht mehr der Adressat der Musik von Lena. /// < YouTube-Audio > /// Zurück zum Indie-Understatement: „colin“, ein Duo aus Köln, suchen ihre Musik eher in bescheidener Melodie-Melancholie; und haben ihrem Indiepop-Genre, das in den Folk reinschnuppert, schon den ein oder anderen tollen Song abgerungen. Ihr neuer Streich, „all my fault“, mag ein wenig höhepunktlos daher kommen, aber in der Summe hören wir hier beiläufigen, wunderschönen Softrock. /// < YouTube-Audio > /// Die für mich Amazoneswichtigste Neuveröffentlichung heute ist die erste Single des dritten Albums von „les amazones d’afrique“ - das Kollektiv aus weiblichen Popstars des afrikanischen Kontinents: „Kuma Fo“ vereint auf einem fluffiigem Dancebeat mit weltigen Breaks die Stimmen (und was für Stimmen!) von Mamami Keïta, Fafa Ruffino und Kandy Guira, die wir auch schon auf dem ersten beiden fantastischen Alben hören konnten, und von dem neuen Mitglied Alvie Bitemo. „Kuma Fo’ is about women’s freedom of expression.“, heißt es im Promotext, und dem ist fast nichts hinzuzufügen: Dieser Track ist frei und befreiend, und das kommende Album, welches bei Peter Gabriels Label „Real World“ erscheint, macht der Platte von Gabriel selber nur deswegen keine Konkurrenz um dem Titel des Album des Jahres 2023, weil es erst nächstes Jahr erscheint. /// Grandioses < Video > ///


offiziell glücklich

Bildschirmfoto 2023-09-21 um 12.20.28::: Die  Zeiten, in denen der Mittwoch des Reeperbahnfestivals noch etwas ruhiger und leerer ist, sind allem Anschein nach vorbei - das Imperial-Theater ist um 21:30 h zwar noch nicht so gut gefüllt, aber die RBF-app meldet durchaus Locations, in denen Einlass-Stop verhängt wurde, und auch die Reihen des Kiez-Theaters, in den derzeit Edgar Wallace’ „Die blaue Hand“ spielt, füllen sich nach und nach. Im Bühnenbild dieses who-dunnit treten aber in dieser Woche Musiker:innen auf, und ich sah dort die Irin Ailbhe Reddy, die mit wunderschönen Songs einen filigranen Indierock spielt, der manchmal nach Folk mit elektrischen Instrumenten klingt - zwei Gitarren, Bass, Schlagzeug; wenn es solche Bands nicht mehr gibt, sind wir verloren - wunderbar. ::: Deutlich voller dann im Knust, in dem Bildschirmfoto 2023-09-21 um 12.17.26Paula Carolina auftritt, und die hat auch schon einige Hits im Gepäck, die die Leute mitsingen. Der NDW-huldigende Indiepop ist im Studio eher mit Zurückhaltung und auf Stimme und Text fokussiert produziert, live (und in ihrem neuen Song "offiziell glücklich" schon auch) kommt das ganze eher als Postpunkrock daher, als hätte die erschreckend professionelle Band einen Workshop bei IDEAL besucht, deren „Berlin“ auch mindestens einmal vom Keyboarder direkt zitiert wird. Dieser noch unfassbar jungen Popsängerin, gehört die Zukunft des Deutschpop, die wird berühmt, davon bin überzeugt. ::: Feiner, filigraner und stiller hatte ich den Abend im Grünen Jäger, 100 Meter meiner Wohnung begonnen und beendet: Die Sängerin und Songwriterin „C’est Karma“ aus Luxemburg trat mit Pianist auf, der auch Keyboard und Ableton live bediente, und die beiden holten ihre Popsongs aus dem Chanson ab und bliesen sie mit Effekten und Autotune zu leicht bombastischen Synthiepop auf. ::: Während Mina Richman in gleicher Location zu später Stunde akustischen Bluesfolk suchte und fand: Die Sängerin schreibt wunderbare Lieder und hat eine Band dabei, die sie mit akustischer Leidenschaft spielt, und Mina Richmans Stimme wandert von tremolofreier Energie zu trotziger Neugier in zig Stile: Für mich der Schluss- und Höhepunkt eines großartigen ersten Tages vom Reeberbahnfestival 23 :::

https://www.cestkarma.com/ ::: http://www.ailbhereddy.com/

https://www.paulacarolinamusik.de/ ::: https://minarichman.de/ 

 


Snooze-Pool vor deinem Fenster

Heute neu - die Freitagskolumne 010923

GowkyMiQ/// „Einen Plansch vorm Haus, yeah / Es glitzert blau, yeah / Gib mir das, gib mir das, mmmhh / Und mach mich nass“, so singen „Impala Ray“ in ihrem neuen Song „POOOL“; nur echt, glaube ich, mit den drei „O“. In jedem Falle kommt in dem Lied wie zitiert das Wort „Plansch“ vor, und wer mit „Plansch“ an „Bilderbuch“ denkt, die einmal ein Lied mit diesem Titel heraus gebracht haben, der ist auch insgesamt nicht auf der völlig falschen Parellelen-Fährte, wem man den Sound von „Impala Ray“ umschreiben wollten: Synthie-Wave-Fun-Funk-Pop und zwischen allen Stühlen dieses tanzwütigen Mischmaschs, bayrisch irgendwie, Austropop-inspiriert und mit dem nötigem Augenzwinkern. VOR DEINEM FENSTER_COVERDie groovige Versiertheit und taschenspielerische Leichtig- und Dreistigkeit von Bilderbuch hat Münchner Duo noch nicht ganz, aber der Spirit stimmt, und dem nahenden Herbst fächert „POOOL“ trotzig ein paar Sommerhitvibes zu - nice. /// Eher schon in den Vibes des Herbstes fächert sich der neue Song „Vor deinem Fenster“ von „Florian Paul & und die Kapelle der letzten Hoffnung“ auf. Dieser Singer und Songwriter hat mit eben dieser seiner Kapelle einen wunderbaren, deutschsprachigen Vaudeville-Chanson erfunden, der lebens- und liebestrunken Rio Reiser, ZAZ oder „Fleet Foxes“ zuwinkt. Die Platte „auf Sand gebaut“ wurde so zum  „Popticker-Album des Jahres“ 2022 - siehe < hier >. Der neue SnoozeSong nun ist eine aufbrausend melancholische Ballade, wie sie nur diese herrliche Band hinbekommt, und eine Zeile wie „Jetzt sitze ich hier und hab Heimweh und wüsste so gerne wonach.“ dichtet so schnell auch niemand sonst hierzulande. Einfach wunderbar. /// Und einen englischen Song haben wir auch noch: Die junge Musikerin Celia May hat in den 80ern vermutlich auch noch nicht gelebt, aber ihr Soulpop hat in Depeche Mode gebadet, und heraus gekommen ist eine Indie-Ballade für die allgemeine Entschleunigung: „Snooze“. Den Wecker und sich selber zurück in den Schlaf schicken ist hierbei eine Art Symbol gegen den gehetzten Optimierungswahn unserer Zeit - das ist ein großartiger Topos für Popsongs (also ein Popsongtopos), und Celia May also eine echte Entdeckung. ///

Links: Website von

< Impala Ray > /// < Florian Paul > /// < Celia May >


Mixtapes und Karteikarten

Die Kassette wird 60

Die Audio-Kassette wird 60, und das weckt Erinnerungen. In den 80ern wussten wir, dass eine Chromdioxid-Kassette besser war - auch wenn wir den Grund dafür nicht kannten. Wir kannten die Tricks, dass man am oberen Rand ein Teilchen Plastik heraus brechen musste, um die Kassette unüberspielbar zu machen, und ebenso war bekannt, dass ein Stückchen Tesa reichte, um diese 009-685-00 Art Kopierschutz aufzuheben. Auch Bandsalat wussten wir zu beheben; aber das Schönste an den Tapes war natürlich, dass man sie auf dem Schulhof herum reichen konnte, weil jemand die neue Platte von Depeche Mode schon hatte und sie auf Kassette überspielen würde. Als Falk und ich 1987 aus London wieder kamen und dort die am selben Tag erschienenen neuen Alben von Housemartins und The Smiths mitbrachten, die in Deutschland noch nicht erhältlich waren, hatten wir Kassetten mit Namen darauf in Warteschleifen zuhause vor dem Plattenspieler liegen, da es ja die Länge eines Albums dauerte, um diese zu überspielen und ein Nachmittag natürlich nur begrenzt Zeit bot. (Interessanter Weise handelte es sich bei den beiden genannten Alben übrigens nicht nur um zwei Platten mit besonders langen Namen, „the people who grinned themselves to death“ und „strangeways here we come“, sondern auch, wie sich nachher heraus stellten sollte, um die jeweils letzten Alben der beiden Bands …). Aber natürlich war die Kassette auch ein Mittel der Liebeserklärung und von Freundschaftsbekundungen, weil man Mixtapes zusammen stellte. Und wirkliche Nostalgie überkommt mich, wenn ich an die Tapes denke, die ich erwartungsvoll vor dem Radio sitzend zusammen stellte. Die Anzahl meiner am Radio zusammen gestellten Compilations war irgendwann so hoch, dass ich diese Kassetten durchnummerierte und mir eine Kartei anlegte - für jede vertretene Band gab es eine Karte, auf der Stand dann, auf welcher Kassette an welcher Position der und der Hit drauf war - herrlich. 

So sah das das aus:

a-ha

Take on me             069 A 122

Cry Wolf               089 B 037

Hunting High And Low   072 A 317     

66816Diese Kartei anzulegen war ein riesiger Spass, auch wenn ich sie so gut wie nie brauchte, denn letztlich wußte ich zumindest bei den Songs, die wirklich liebte, wo diese zu finden waren. Und die Position fand man im Übrigen auch nur dann zuverlässig, wenn man die entsprechende Tape-Seite zurückspulte und dann den Zähler des Tapedecks auf Null stellte. (Ich müsste eigentlich mal schauen, ob ich diese Kartei noch habe, viele der Kassetten sind noch da …) - jedenfalls kann man es nicht anders sagen: Kein anderer Tonträger prägte die Entstehung meines Musikgeschmackes so sehr wie die Kassette: Happy Birthday!


i / o

Popmusik, wie sie wundervoller kaum sein kann: Peter Gabriel auf seiner aktuellen Tournee

Peter-GabrielSeine frühen Alben hat Peter Gabriel nicht benannt, die Fans nennen sie nach visuellen Eindrücken der Cover („car“, „scractched“ und „melt“), und seither reichen ihm immer zwei Buchstaben: „So“, „Us“, „Up“ und nun nach 17 Jahren Wartezeit erscheint in diesem Jahr  „i / o“, von dem wir bislang 6 Songs kennen - samt und sonders Meisterwerke in Gabriels Oeuvre, und zu jedem Vollmond kommt ein neuer Song dazu. Das hält den Musiker aber nicht davon ab, mutmasslich alle Lieder von „i / o“ auf seiner derzeitigen Tour zu spielen - 12 an der Zahl, von denen das Publikum also die Hälfte gar nicht kennt. Trotz seines inzwischen stattlichen Alters von 73 Jahren handelt es sich bei dieser Tournee also nicht um einen nostalgischen Rückblick sondern um die klassische Konzertreihe aus Anlass einer neuen Platte. Und so wenig man diese Platte also wie gesagt kennt, so sehr kommt man aus dem Staunen nicht heraus - „and still“ ist eine stille Ballade mit dem klassischen Gabriel-E-Piano-Sound, „road to joy“ ist eine Hommage an seinen „Sledgehammer“ und „Home“ ist symphonischer Reggae - kein Song ist wieder andere, und doch merkt man schon im Konzert, dass alles aus einem Guss kommt.

Gabriel hat eine erschreckend versierte Band zusammen gestellt, unfassbare Musiker:innen; neben Manu Katché Ayanna2-w870an den Drums, Tony Levin am Bass und David Rhodes an der Gitarre, mit denen er teils seit 50 Jahren zusammen spielt, hat er sich für den Motown-Funk-Sound im Gabriel-Popentwurf Don Mc Lean an den Tasten dazu geholt, und für die orchestrale Breite Josh Shpak am Flügelhorn und anderen Blasinstrumenten, Marina Moore an Bratsche und Geige, Richard Evans an weiteren Gitarren und Mandolinen und dann noch, heimlicher Star dieser Tournee, die Cellistin Ayanna Witter-Johnson - wenn sie hinter ihrem Cello mit Peter Gabriel "don't give up" (den Part von Kate Bush) singt, wer da nicht Tränen in den Augen hat, da weiß ich auch nicht. Und dann ist er natürlich noch da, Peter, er mag 73 sein, aber er singt wie eh und je wunderschön, dass man schmilzt.

Gut, wenn Gabriel spielt, bin ich eh nahe am Wasser gebaut - schon wenn er am Anfang auf Deutsch „jetzt kommt die Flut“ spielt, mit Keyboard auf dem Schoss und Tony Levin an dessen Stick genannten Bass mit 16 Saiten begleitet, dann war bei mit kein Halten mehr. Im zweiten Stück, "growing up", kommt nach und nach die ganze Formation an einem künstlichen Lagerfeuer zusammen, ach! Was hier mit diesen Musiker:innen auf die Bühne gespielt wird, ist meines Erachtens ein Höhepunkt der Popgeschichte, zum verrückt Werden schön.


Diebische Freunde

Bildschirmfoto 2023-05-17 um 08.19.55Die Filmfreunde Michael McCain und Agnetha Ivers mit ihrer dritten Single

Keiner weiß so recht, wer Michael McCain & Agnetha Ivers tatsächlich sind, beziehungsweise sie fungieren mit Namen, die man meint zu kennen, in etwas kunstfigürlicher Anonymität, weil wir sie in Wirklichkeit nicht kennen - und mindestens Michael McCain ist ein Pseudonym. Was wir aber wissen, ist, dass dieses Duo im Genre des Filmsongs ohne Film operiert, und auch bei ihrer dritten Single „Peaceless“ ist das so, und somit mutmasslich auch auf ihrem für September 23 angekündigtem Album: „Peaceless“ wäre, wenn es einen Film zum Song gäbe, ein Psychothriller im James-Bond-Milieu mit Ingmar-Bergmann-Vibe - Michael Caine könnte gut und gern darin mitspielen, mithin ist der Künstlername Michael McCain sicher nicht völlig ohne diese Referenz erfunden worden. Und die Sängerin Agnetha Ivers kann dramatische Bögen, die aus einem wie beschriebenen Film zu stammen scheinen, in einen drei-Minuten-Song ersingen - das macht wirklich diebisch-dramatische Freude. /// Link /// "Peaceless" Video ///